Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

TANZ

Leben und

Leidenschaft

Im schnellen Rhythmus stampfen die mit Nägeln beschlagenen Schuhsohlen auf den Boden. Vielleicht aus Wut, vielleicht auch aus Stolz und unbändiger Lebenskraft. Rebellisch schlagen die Tänzerinnen mit den Händen auf die Hüfte, lasziv bewegen sie ihr Becken, sodass die weiten bunten Kleider schwingen. Die Falseta, das flammende Solo der Gitarre, der Cante Grande, der ernste inbrünstige Gesang, und der Palmas, bei dem die rhythmisch klatschenden Hände zu einem eigenständigen Instrument werden: Der andalusische Flamenco ist ein Feuerwerk an tänzerischer und musikalischer Ausdruckskraft, ein leidenschaftlicher Kampf zwischen Frau und Mann, Erde und Luft, Leben und Tod. Dass dies keine abgedroschenen Klischees sein müssen, beweist das Ballet Teatro Español mit der Inszenierung „Carmen Flamenco“ in der Regie des verstorbenen Choreografen Rafael Aguilar an der Komischen Oper (bis 3. August, jeweils 20 Uhr).

Angelehnt an Prosper Mérimées Novelle erzählt das Tanztheater in einer farbenfrohen, rasanten Mischung aus Live-Musik und -Gesang, Einspielungen aus Bizets Oper, suggestivem Ausdruckstanz und dem temperamentvollen Flamenco die Geschichte der Zigeunerin Carmen (Helena Martín Hérnandez), die ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung mit dem Tod bezahlt. Drei Männer lieben Carmen: Da ist der großgewachsene Francisco Guerrero als Don José, der mit ihr eine sinnliche, verführerische Liebesnacht verbringt. Der charismatische Juan Ramírez tanzt den stolzen Torero. Und Carmens Schmugglergefährten gibt der Flamenco-Star Miguel Cañas, der selbst im Sitzen mit seiner Tanztechnik die Luft zum Glühen bringt. Kastagnetten und Gitarren begleiten Carmens tödlichen Freiheitskampf. Am Ende der Fiesta siegt jedoch ein Rhythmus: der Applaus des begeisterten Publikums. Eva Kalwa

HIP-HOP

Humor

und Horror

Hier treffen sie zusammen: die Clubgänger, die nach dem neuesten Kick suchen, und die Liebhaber rücksichtsloser Durch-den-Fleischwolf-Drehereien. Tausend Lichtjahre entfernt von der Zeit, als Hip-Hop noch so monoton und trocken war wie alte Platten von John Lee Hooker, machen Food For Animals aus Washington eine Musik, die sich anhört wie eine explodierende Festplatte mit Audiodaten von Public Enemy. Bei der Live- Präsentation ihres Debütalbums „Belly“ im urigen Western-Saloon der Bar 25 liegen gleich Hektik und Alarmbereitschaft in der Luft. Die MCs Vulture Voltaire und Hy rappen um Mitternacht auf Augenhöhe mit dem Strandbarpublikum los, als hätte man ihnen Juckpulver unter die Pelze gespritzt. Dazu rappelt ein nervöser Flackergroove aus der Laptopkiste von Ricky Rabbit – zerbrochene Beats und abgehackte Noisekaskaden. Brummende, quietschende Geräusche, die wie Spraydosen eingesetzt werden und verstümmelte Zeichen an die Wände kritzeln, während das Gereime den täglichen Kampf ums Überleben in die surrealen Ebenen des Humors und Horrors übersetzt: „I see paychecks rust/ Taxicabs dust/ And your wings in the belly get crushed/ Acid turns feathers into skeletons/ Water full of flies because the power trip’s irrelevant“. Ein Pop-Ausbruch, der viel von einem fordert, gerade weil es trotz allem dahinter swingt und der entscheidende Funken Soul im Kern bestehen bleibt. Und wenn sie mittendrin sind in der Absurdität oder dem Chaos, dann hören sie einfach auf und lachen über sich. Food For Animals machen einen zunächst nervös und dann völlig irre. Volker Lüke

ARCHITEKTUR

Sparsamkeit

und Schönheit

Spätestens seit der Energiepass Einzug gehalten hat, sorgen sich Bauherren um die Energiebilanz ihrer Häuser. Dabei ist die Nachhaltigkeit bereits seit den achtziger Jahren ein wichtiges Thema in der Architektur – zunächst als handgestrickte Ökoarchitektur belächelt, ist sie längst zu einer der zentralen Herausforderungen des Bausektors aufgestiegen. Jetzt nehmen sich gleich zwei neue Zeitschriften des Themas an: Zeno (Callwey Verlag München, 19 €) und Greenbuilding (Verlag Schiele und Schön Berlin, 11,20 € ). In seiner ersten Ausgabe widmet sich Zeno unter anderem dem bereits 2006 fertig gestellten Lufthansa Aviation Center in Frankfurt am Main von Christoph Ingenhoven. Das High-Tech-Haus erfordert lediglich ein Drittel des üblichen Energieaufwands. Etwas weiter greift der Ansatz von Greenbuilding. Dort widmet man sich dem auch nicht mehr taufrischen Bundesumweltamt von Sauerbruch und Hutton in Dessau. Doch die Zeitverzögerung macht Sinn. Denn es geht in dem Beitrag darum, das ambitionierte Energiekonzept in der Praxis zu überprüfen – mit dem Ergebnis, dass es sich um einen ökologisch beispielhaften Verwaltungsbau handelt, wenngleich nicht alle Ziele aus der Planungsphase erreicht wurden. Damit zeigt Greenbuilding selbst einen nachhaltigen Ansatz – nämlich auch für die Architekturkritik. Jürgen Tietz

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