Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Wettstreit

ums Westliche

Das Reich der Mitte steht bei Young Euro Classic im Zentrum, verkörpert vor allem von dem chinesischen Dirigenten Muhai Tang. Schon drei Mal war er im Konzerthaus dabei, jetzt ist er mit dem Festivalorchester China-Deutschland erneut zurückgekehrt. Da Musik ja sowieso viel mit Wettbewerb zu tun hat – concertare bedeutet „wettstreiten“ –, wurden die beiden Komponisten Deqing Weng und Arno Schreier beauftragt, je ein siebenminütiges Werk mit dem Titel „Im Wettstreit“ zu schreiben. Im Ergebnis ringen zwei unterschiedliche kompositorische Auffassungen miteinander. Die chinesische wirkt in ihrem statisch-flirrenden Klanggewölk wie eine Studie über Dynamik, die deutsche strukturiert ihr Material dynamisch-melodischer.

Das Festival bemüht sich traditionell um Uraufführungen, dennoch werden die beiden Stücke von einer ganzen Phalanx aus Kanonikern eingerahmt. Während Muhai Tang bei Mozarts Pariser Sinfonie D-Dur die dynamischen Gegensätze, versetzte Einsätze der Streicher und plötzliche Tempiwechsel, sehr lebhaft herausarbeitet, bleiben die beiden Solisten Oleksandra Fedosova und Yu Xiang in Bachs Konzert für zwei Violinen d-Moll, das die Streicher stehend und ohne Dirigent spielen, blass. Bach bleibt so leider abwesend, doch als Muhai Tang zu Beethovens 2. Symphonie wieder anwesend ist, kehrt das Gefühl dafür zurück, dass Musik etwas mit der richtigen Mischung aus Präzision und Emotion zu tun hat. Udo Badelt

FILM

Lolita

mit Klarinette


Maroa ist zwölf oder dreizehn, mit wildem Lockenkopf und einem Körper, der die Schwelle zwischen Kindheit und Pubertät mit angespannter Energie bewältigt. Maroa lebt bei ihrer Großmutter in einem Armenviertel von Caracas. Tagsüber verkauft sie Heiligenbildchen in den Gassen. Abends gibt es Gezeter, weil der Erlös zu klein ist. Manchmal findet Großmutter auch ein gestohlenes Radio, dann setzt es Schläge. Als Maroa nach einem Überfall in einer Erziehungsanstalt landet, begegnet sie dort außer gewalttätigen Polizisten und Wärterinnen auch einem Kosmos wunderbarer Klänge – und dem jungen Musiklehrer Joaquín (Tristan Ulloa). Der erkennt sogleich das Talent der Neugekommenen, und bald sitzt Maroa mit einer Klarinette in der Hand und ein paar Dutzend anderen Kindern im Multifunktionsraum der Anstalt.

Doch wie kommt das Orchester ins Jugendgefängnis? Solveig Hoogesteijns dritter Spielfilm greift zurück auf das beispielhafte Programm „El sistema“, das in Venezuela seit Jahrzehnten Kindern aus benachteiligten Familien gratis intensive musikalische Bildung und Betreuung vergönnt. 250 000 Kinder sind in Musikschulen, Kinder- und Jugendorchestern aktiv. Eines davon in der Jugendstrafanstalt „Los Chorros“: Aus dem Ensemble sind Musiker hervorgegangen, die weltweit erfolgreich sind. Auch Maroa wird am Ende als Solistin auf einer Bühne stehen.

Leider vermittelt Maroa (OmU im Moviemento) wenig von seinen Hintergründen. Die als Kind nach Venezuela emigrierte Koautorin und Regisseurin versucht sich lieber an einer weiteren Variante der populären Erzählform „musikpädagogische Erfolgsstory“ und brezelt sie – neben der genreüblichen Krisendramaturgie – mit Sozialfolklore und einer Prise Lolita-Gefährdung auf. Immerhin: Yorliz Dominguez, selbst in einem Armenviertel aufgewachsen, beschenkt ihre Hauptrolle mit ausstrahlender Leidenschaftlichkeit. Silvia Hallensleben

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