Kultur : KURZ & KRITISCH

Karin Erichsen

KLASSIK

Ausflug mit

einem Virtuosen

Mähdrescher auf endlosen Feldern, dunkelgrüne Kiefernwälder und Dörfer, in denen sich die Äste der Obstbäume vor reifen Früchten biegen – das ist Brandenburg im Spätsommer. Und wenn es dann durch Ribbeck geht, erfüllt ein Raunen den Bus: „Na, wiste ’ne Beer?“ Ja, die Berliner Reisegesellschaft auf der Shuttle- Fahrt der Brandenburgischen Sommerkonzerte kennt ihren Fontane! Vor der Rathenower St.-Marien-Andreas-Kirche wartet schon das Kuchenbüfett: In kürzester Zeit verwandelt sich der Kirchplatz in ein großes Freiluftcafé. Passend zum Sommernachmittag spielt dann die Kammerakademie Potsdam Unterhaltendes von Wolfgang Amadeus Mozart. Dirigent Michael Sanderling wagt musikalische Pointen, treibt das Orchester zu raschen Tempowechseln und stellt sich als Meister der leisen Töne vor. Der dezente Einsatz der Bläser und die virtuosen Einwürfe der Soloinstrumente Geige, Fagott, Flöte und Oboe veredeln vor allem die Serenade Nr. 5.

Der 21-jährige Oboist Iwan Podjomow ist eine Entdeckung: In Ermanno Wolf-Ferraris filmmusikreifem Concertino A-Dur für Oboe, zwei Hörner und Streicher beeindruckt er durch eine Atemtechnik, die es ihm ermöglicht, enorme Bögen zu halten und in intimen Dialog mit dem Orchester zu treten. Seine Fingerfertigkeit kann der junge Russe in Alessandro Marcellos Oboenkonzert d-Moll – besser bekannt in der Bearbeitung für Cembalo von Johann Sebastian Bach – präsentieren, wo seine Koloraturen die Streicher überstrahlten.

In der Rathenower Hauptkirche mit ihrer grandiosen Akustik sind die Brandenburgischen Sommerkonzerte in diesem Jahr zum ersten Mal zu Gast. Bis zum letzten Konzert am 13.9. gibt es unter anderem noch die Katharinenkirche in Schwedt (10. 8., Tango-Sextett Andorinha) oder das 20er-Jahre-Stadttheater in Luckenwalde (17. 8., „Arcifanfano – König der Narren“, Oper von Baldassare Galuppi) zu entdecken (Informationen unter www.brandenburgische-sommerkonzerte.de oder der Telefonnummer: 01805 / 805720). Karin Erichsen

YOUNG EURO CLASSIC

Emotionale

Explosion

Genau so wünscht man sich das idealtypische Young-Euro-Classic-Konzert: Zuerst einen Klassiker der Moderne, großartig konzentriert gespielt, dann was Zeitgenössisches, vom Dirigenten mit einführenden Worten erklärt, schließlich ein Repertoire-Hit wie die „Pathétique“, dessen Tiefendimension auch jungen Menschen zugänglich ist. Ein toller Abend!

Schon bei Anton Weberns Orchesterstücken Opus 6 beeindruckt neben der Präzision des Schleswig-Holstein Festival Orchesters vor allem der warme, innige Klang: Als spielte das Ensembles schon ewig zusammen. Dabei formiert es sich alle Jahre neu, bei Vorspielen auf drei Kontinenten, um dann in der Abgeschiedenheit von Schloss Salzau in die Musik abzutauchen. Diesmal gemeinsam mit dem dirigierenden Cellisten Heinrich Schiff. Es muss Liebe auf den ersten Ton gewesen sein, denn hier ist wirklich eine Gemeinschaft zu erleben – die in Lutoslawskis 1970 durchaus politisch gemeintem Cello-Konzert auch mal als brutale Masse fast den Solisten (feinsinnig: Christian Poltéra) mundtot macht.

Eine kollektive emotionale Explosion bringt dann Tschaikowskys Sechste: Von Schiff im Eröffnungssatz zunächst noch klug zurückgehalten, entlädt sich der Schwall der Gefühle in voller Klangfarbenpracht, mit Herzschlag bis zum Hals (die ostinate Pauke im Mittelteil des zweiten Satzes!) bis zum Finale, das bei den jungen Musikern nicht einen Takt lang nach Resignation klingt, sondern – ganz altersgerecht – nach Hoffnung und Zuversicht auf einen neuen Tag, der garantiert kommen wird. Frederik Hanssen

0 Kommentare

Neuester Kommentar