Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Sextourist

Knut

Ein rohes Loch im Pressspan. Daraus tönt lockend ein Popsong. Ein Unfall? Ein Geheimgang? Eine Vagina? Man solle ruhig den Kopf in die Wand stecken, ermuntert die Aufsichtskraft. Drinnen eine Puppenstube, in der sich, verblüffend echt projiziert, ein Mädchen in Unterwäsche im Takt wiegt. An der Decke dreht gleichmütig eine Diskokugel ihre Runden. Aua! Ein greller Lichtblitz. Aua! Schon wieder. Betört irrt man weiter, das Abbild noch ein Weilchen auf der Netzhaut tragend. Was für ein unverschämt lustiger Kommentar zur Zerbrechlichkeit kindlicher Träume von Glanz und Glamour.

Die Ausstellung Rotes Haus. Repräsentanten der Nacht im Kunstraum Kreuzberg (Mariannenplatz 2, bis 17. 8., tgl. 12-19 Uhr) kommt in der Ankündigung ausgesprochen seriös daher, mit Bezügen zu Otto Dix und George Grosz. Auch das ist sehr lustig, weil dieses irre Durcheinander aus Scherzvideos (Knut als Sextourist!), Ölgeschmiere und Pappmaché-Installationen etablierte Kunstvorstellungen heiter vor den Kopf stößt. Kuratiert wurde die Ausstellung von Lena Braun aka „Queen Barbie“, eine schillernde Figur des Berliner Nachtlebens. Das Ästhetische steht oft hinter dem Politischen zurück. Eine Fotoserie von Kerstin Finn Buchwald weist auf die jüngsten Angriffe auf Schwule in der Oranienstraße hin. Die anrührendste Arbeit hat Martina Minette Dreier geschaffen: Aus Holzpflöcken ragen Drähte mit Zeitungsschnipseln: „Transe“; „Mama“; „Klassensprecher-Typ“. Geschlechtszuschreibungen treiben seltsame Blüten.Kolja Reichert

BLUES

Mal eben über den

Atlantik preschen

Wade Schuman, der humorige Bandleader aus New York, kündigt im teilbestuhlten Kesselhaus einen Swing an: „Now a tune for your dancing pleasure!“ Doch selbst als der Sänger mit den schwingenden Zungen seiner Mundharmonika zwischen den Stuhlreihen herumturnt, erhebt sich niemand aus dem sitzeingefleischten Jazzpublikum. Die Stimmung ist dennoch aufgeheizt. Denn die acht Musiker von Hazmat Modine, die aus dem Umfeld der tüftlerischen Knitting Factory kommen, verfolgen den Lichtstrahl des frühen Blues und brechen ihn durch verschiedene Grooves der Welt. Unglaublich, wie dieser Blues mit Dreck zwischen den Zehen sich mit Funk und Reggae und Latin und dem Balkan verträgt.

Schuman singt mit schroffer, brüchiger, fast schwarzer Stimme und schickt Shouts, melodische Lautmalerei und orientalische Skalen durch die Mundharmonika, begleitet von zwei schrammelnden Gibsons, einer aufblitzenden Steel-Guitar und mal strahlenden, mal stumpfen Bläsern. Wow! Auch der Drummer kann alles spielen, prescht über den Atlantik, macht einen Abstecher beim Klezmer, donnert eine brasilianische Batucada auf die Schlagfelle und landet irgendwo im Art-Rock – bis ihn der gravitätische Joe Daley auf seiner Tuba bremst: der einzige schwarze Musiker der Band. Er verleiht seinem Instrument auch Mundharmonika-Flügel. Verrückter Blues: Hazmat Modine, deren Debütalbum „Bahamut“ für den BBC Music Award 2008 nominiert wurde, sind mit Sicherheit die aufgekratzteste, geistreichste und groovigste Blues-Formation der letzten Jahre. „An attractive crowd“, lobt Schuman sein Publikum – nach zweieinhalb Stunden Blues. Roman Rhode

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