Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Wenn Tusche

explodiert

Der Japaner Rin Terada hat seine Kunst so sehr verinnerlicht, dass er beschloss, sie im Namen zu tragen: „Rin“, meist „Rinpa“ genannt, ist ein luxuriöser dekorativer Stil, der in der Edo-Epoche zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufblühte und, ähnlich der europäischen Renaissance, auf alte Traditionen zurückgriff. Der 1947 geborene, in Japan vielfach ausgezeichnete Künstler lebt in Berlin. In seiner Arbeit begegnen sich traditionelle japanische Malerei und Kalligrafie mit abstrakter westlicher Kunst. Die Villa Oppenheim zeigt unter dem Titel „Kokoro – Seele“ in der Kleinen Orangerie am Schloss Charlottenburg zwei monumentale Gemälde des Künstlers, die für die Expo 2006 in Quebec entstanden (Spandauer Damm 22, bis 24. 8., Di-Fr 14-18, Sa-So 12-18 Uhr).

Die Arbeit „Zen“ zeugt von Teradas Auseinandersetzung mit dem Zen-Buddhismus. Große Kreise, das Zen-Symbol für Leere und Vollkommenheit, prägen das Bild. Doch der Künstler beschränkt sich nicht auf meditative Reduktion, sondern trägt dick auf: Hinter weißen Streifen und Schleiern scheinen Hiragana-Zeichen durch. Bänder aus Blattgold teilen das Werk längs und vertikal und noch die Ränder sind opulent gestaltet. Expressive Gesten bei „Himmel und Erde“: Fette Tuschestriche explodieren, trennen Oben und Unten, kreuzen sich symmetrisch. Die teils zufälligen Tuscheverläufe machen das Ganze zur Summe vieler kleiner Landschaften. Kolja Reichert

YOUNG EURO CLASSIC

Wenn Musiker

in die Vergangenheit reisen

Es ist nach acht, als Jos van Immerseel die Bühne des Konzerthauses betritt. Applaus, obligatorisches Husten vor der Ouvertüre zu Mozarts „Le Nozze di Figaro“. Doch van Immerseel greift zum Mikrofon. Eigentlich, sagt er, dürfe ein Dirigent alles, außer reden. Trotzdem erklärt er die Schwierigkeiten, die für die jungen Musiker der NJO Summer Academy mit der historischen Aufführungspraxis und den wenigen Proben verbunden sind. Es klingt ein bisschen wie eine Entschuldigung. Dabei hat die Ouvertüre gar keine nötig: Das Orchester schickt die bewegten Themen selbstbewusst in den Saal, und setzt Mozarts kontrastreiche Dynamik spannend in Szene.

Da ist die seltsame Unkonzentriertheit bei Beethovens Klavierkonzert Nr.1 schwer zu erklären. Solist Ronald Brautigam spielt wunderbar präzis und entlockt dem Nachbau eines historischen Hammerklaviers ungeahnte Emotionen. Das Orchester scheint jedoch verunsichert, kaum dass die Partitur Interaktion mit dem Pianisten verlang, es erholt sich erst im finalen Rondo. Nach der Pause dann Schuberts große C-Dur-Symphonie, die mit den „himmlischen Längen“. Jetzt ist auch das NJO im 19. Jahrhundert angekommen: Der fein ausgearbeiteten Dynamik im ersten Satz folgen ein lebhaftes Oboensolo im Andante und aufbäumende Crescendi im Finale. Prasselnder Applaus holt alle zurück in die Gegenwart. Der Trip in die Vergangenheit hat sich gelohnt.Daniel Wixforth

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