Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Emotionale

Geiselhaft

Es gibt nur wenige Künstler, die von Publikumsanimationen so exzessiv Gebrauch machen wie Nena. Ausnahmslos jedes Lied während ihres knapp zweistündigen Auftritts in der Zitadelle Spandau nimmt die 48-Jährige zum Anlass, ihr Publikum in eine Art emotionale Geiselhaft zu nehmen: Wer hier nicht mitklatschen oder -singen mag, fühlt sich wie ein Spielverderber, zumal sich Nena durch Nachfragen wie „Mach ich irgendwas falsch?“ oder „Seid ihr bei mir?“ peinlich der Zuneigung ihrer Fans versichert. Doch aus ihrem Werben spricht nicht das Kalkül der professionellen Animateurin, sondern eine Sehnsucht nach Sympathie, die sie trotz aller Erfolge nicht für selbstverständlich hält. Trotzdem ist man froh, wenn einfach nur gespielt wird.

Denn Nenas siebenköpfige Band erzeugt Druck, der gerade bei den Feuerzeugballaden oder dem unverwüstlichen „99 Luftballons“ für die nötige Verdichtung sorgt. Nenas Vorliebe für fremdes Liedgut zieht sich als Subtext durch das Konzert. Eine ungelenk eingedeutschte Version von „Young Folks“ verheißt nichts Gutes, aber das feine Unplugged-Cover von Ulla Meineckes „Für dich tu ich fast alles“ ist genauso gelungen wie die Fassung von David Bowies „Heroes“ mit seinem glamourösem Pathos. Danach ist man für den finalen Bombast von „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ gerüstet, das wie eine Essenz aller musikalischen Sünden der achtziger Jahre klingt. Jörg Wunder

YOUNG EURO CLASSIC

Die Seele

der Steppe

Das könnte ein gefühlsgesättigter Abend werden: Das Symphonieorchester des kasachischen Nationalkonservatoriums unter seinem deutschen Leiter Jan Moritz Onken kombiniert bei Young Euro Classic im Konzerthaus deutsche Romantik mit Strawinskys „Sacre du Printemps“ und einer Uraufführung über die Seele der kasachischen Steppe. Doch Solistin Jania Aubakirova, Direktorin des Konservatoriums in Almaty, braucht lange, um bei Brahms’ zweitem Klavierkonzert B-Dur Gefühle für das Stück zu entwickeln. Erst im langsamen Satz zeigt sich, wie sehr ihr das intime Format liegt.

Nach der Pause haben fünf Musiker in Tracht mit traditionellen Instrumenten ihren großen Auftritt. Mehr als ein folkloristischer Farbtupfer für Aktoty Raimkulovas Komposition „Dala Syry“ sind sie indes nicht. Für das thematische Material, mit dem die Komponistin unter Aufbietung eines enormen Orchesterapparats nicht viel mehr als einen Aufguss bekannter Hollywood-Phrasen bietet, spielen sie keine Rolle. Manchmal dürfen sie wie die Männlein am Münchner Rathaus eine kurze musikalische Runde drehen und am Schluss sogar mit dem Orchester zusammenspielen. Dann hört man sie aber nicht.

Vielleicht ist es unfair, nach diesem Stück noch Strawinsky aufzuführen. Der zeigt nämlich, wie man „ethnisch“ komponiert und dabei doch kraftvolle, unverbrauchte, ursprüngliche Klänge entwickelt. Udo Badelt

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben