Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

CROSSOVER

Babylon

barock

Auf der Museumsinsel werden derzeit „Mythos und Wahrheit“ Babylons untersucht. Diese Gegensätze prallen auch am Ort des Geschehens selber aufeinander: Mythisch ist dieses Pergamonmuseum, ein Schatzhaus, das sich kein Tourist entgehen lassen will. Die Wahrheit holt in- und ausländische Besucher schon im Museumscafé ein: Umfangen vom Charme einer Eckkneipe bekommt man hier Automaten-Plörre als Cappuccino serviert. Im hippen Museumsshop werden grellfarbige Merchandisingprodukte betrommelt, wenige Schritte weiter geht es über siffigen Teppichboden kodderschnauzigen Berliner Originalen entgegen, die das Ticket abscannen. Ziemlich gelungen ist dagegen die Babylon-Lounge, die man durch eine Geheimtür unterhalb des Pergamon-Altars betritt.

Hier gibt es Veranstaltungen mit Ausstellungsbezug, zum Beispiel „Babylon“- Kompositionen aus dem Barock. Mitglieder des RIAS-Jugendorchesters stellen Ergebnisse eines Workshops zur historischen Aufführungspraxis vor. Riskant in einem so kleinen, akustisch eher trockenen Raum, wo Intonationsschwankungen die Hörer direkt anspringen. Bis zur zweiten Aufführung am 20. September haben die Nachwuchsmusiker Zeit, manches zu verfeinern. Außerdem gibt es auf der „Babel Live“-Bühne Vorträge, Lesungen, Maqam-Klänge aus Bagdad, DJ-Sessions sowie das Saxofonquartett „Clair-Obscur“ mit Musik von Bach bis Boney M. (Weitere Informationen unter: www.smb.museum/babylon). Frederik Hanssen

KUNST

Katastrophen,

hausgemacht

Sie ist der Albtraum einer Hütte, ein grellbunt glitzerndes Etwas aus Wohlstandsmüll. Besetzt mit Kunstfedern, kitschigen Postkarten und den runden Spiegeln von CD-Rohlingen. Die kanadische Künstlerin Laura Kikauka verarbeitet in ihrer Installation „House of the rising pun“ den Trödel anderer Menschen und kommentiert so das weltweite Müllproblem: Allein in Deutschland werden jährlich 18 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, informiert ein Begleittext zur Ausstellung Tanz auf dem Vulkan in der ifa-Galerie Berlin (Linienstr. 139/140, Di-So 14 - 19 Uhr, bis 12. 10., Eintritt frei).

In einer ausgewogenen und informativen medialen Mischung geht es um die vom Menschen selbst verursachten Umweltkatastrophen: „Aralski Front“ von Alexander Ugay aus Kasachstan erzählt in bedrückenden Schwarzweiß-Bildern von verwüsteten Landschaften und hoffnungslosen Menschen rund um den zunehmend von Austrocknung bedrohten Aralsee. Die Filme von Sabine Gisiger und Nikolaus Geyrhalter dokumentieren die Folgen der Katastrophen von Seveso und Tschernobyl, und das Computerspiel „S.T.A.L.K. E.R.-Shadow of Chernobyl“ beweist, dass selbst dieser ökologische Super-Gau noch kommerziell ausgebeutet werden kann. Die Aufnahmen des Fotokünstlers J Henry Fair verstören, weil sie die ästhetische Schönheit verseuchter Landschaften zeigenEva Kalwa

FLAMENCO

Von wegen

Folklore!

Erstaunlich, wie es das Flamencofestival auch in seiner 13. Ausgabe wieder hinbekommt, trotz niedrigen Budgets die innovativen Künstler des Genres zu präsentieren (bis 16. August). Zum Auftakt im Pfefferberg steht das Borja Évora Soleá Ensamble auf den Brettern – eine Formation, die der junge Keyboarder, Komponist und Produzent aus Sanlúcar de Barrameda extra für das Berliner Konzert zusammengestellt hat. Évora, der einem berühmten Musikerclan entstammt, aber ganz auf den Nuevo Flamenco setzt, erweitert die Triade von Gesang, Gitarre und Tanz durch Perkussion und Turntables.

Die jazzigen Pianoläufe, mit denen Évora die Session eröffnet, erinnern an Chano Domínguez, sie tragen jenen lyrischen Unterton zwischen Schwermut und Rebellion, wie er für die Atlantikküste Andalusiens typisch ist. In der Soleá wohnt die Essenz des Flamenco. Und das Ensamble – spanisch für Montage – gibt sich ihr hin im Glanz der Möglichkeiten. Dabei genügt es, wenn die drei Perkussionisten spielerisch-rhythmisch eine Tischfläche bearbeiten, wenn der Sänger Leo Muñoz unbegleitet eine ergreifende Seguiriya intoniert, oder wenn Tänzerin Sonia Sarmiento mit dem Stakkato ihrer Füße die Spannung ergänzt und erhöht. Dazu steuert DJ Pete Lamotta elektronische Samples bei, mal den Sound einer Rockgitarre, und scratcht den Flamenco seiner Kollegen durch völlig neue Rillen. Hier gibt es keine erstarrte Folklore, sondern improvisierte Musik junger Maestros. Roman Rhode

ROCK

Majestäten

des Lärms

Für eine Band, die sich auf dem absteigenden Karriereast befindet, locken Louis XIV im Sommerferienloch eine beachtliche Menge ins Lido. Das Quartett aus San Diego schlufft mit dem sorgfältig verwahrlosten Look, den Revolverhelden in Spätwestern pflegen, auf die Bühne. Kommentarlos stürzen sich Bandleader Jason Hill und Brian Karscig in ein Gitarrenduell, das jeden Verdacht, man könne es hier mit blaublütigen Collegerockern zu tun haben, beiseite fegt. Musikalisch erinnern Louis XIV an Jack Whites Zweitband The Raconteurs, deren ausufernde Bluesrock-Jams sie aber zu kompakten Songs verdichten und mit der metallischen Schärfe von AC/DC und dem Trinkerrock von Slade verrühren. Nicht jedes Stück ist ein Hit, aber dank der geradlinigen Rhythmusarbeit von Schlagzeuger Mark Maigaard und dem Bassgepumpe von James Armbrust rumpeln auch banalere Songs eindrucksvoll. Und manchmal, etwa in dem von einem hinreißenden Bluessolo gekrönten „Illegal Tender“ oder dem majestätisch rollenden Glamrock von „A Letter to Dominique“, ahnt man, dass hier einer ausgezeichneten Band zumindest in größerem Maßstab die verdiente Anerkennung versagt blieb. Nach einem seelenvollen Cover von „Papa was a Rollin’ Stone“ lässt der Jubel keinen Zweifel daran, dass Louis XIV ihren anmaßenden Namen zu Recht tragen. Jörg Wunder

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