Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

YOUNG EURO CLASSIC

Schwerelos

ist die Liebe

Über Musik lässt sich nur schwer etwas sagen. Diese Erfahrung können jene Persönlichkeiten aus Politik und Medien gerade Abend für Abend machen, die als Paten ein Jugendorchester bei Young Euro Classic vorstellen. Leidenschaft bleibt da unterm diplomatischen Brustpanzer verborgen, wenn auswärtige Staatssekretäre einen vibrierenden Klangkörper wie das European Union Youth Orchestra einzuführen suchen. Man spürt, wie dürr Worte sein können und was Musik alles viel besser sagen kann – zumal durch dieses vor Energie berstende Ensemble. Geformt in langen Vorspielen aus 4000 Bewerbern aller 27 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, ist das seit 30 Jahren bestehende EUYO ein Vorbild für viele Jugendorchester geworden. 2007 spielten sie unter Altmeister Herbert Blomstedt im Konzerthaus einen umjubelten Bruckner, jetzt gastieren die Musiker unter dem jungen Dirigenten Vasily Petrenko.

Ihm gelingt es, eine Mischung aus Beschleunigungen und Gleitphasen zu finden, die Musiker wie Publikum in pure Neugier versetzt. Das animierend kombinierte Programm bietet den Solobläsern wunderbare Entfaltungsmöglichkeiten und zeigt zugleich die überragende Ensembleleistung des EUYO. So erstrahlt in Ravels „Alborada del gracioso“ ein verheißungsvoller Tagesanbruch mit Klangmagie und gleißender Wucht. Berlioz’ Auszüge aus „Roméo et Juliette“ geben sich in ihren Ecksätzen scheinbar robust, um in der nächtlichen Gartenszene die ganze Schwerelosigkeit der Liebe entdecken zu können. Scharf umrissene Kontraste erweisen sich auch in Rachmaninows Symphonischen Tänzen als inspirierend für das enthusiastische EUYO: In lebensbedrohlicher Dramatik, zwischen düsteren „Dies Irae“-Rufen, taucht etwas Unzerstörbares auf, das an Sehnsucht, Heimat und Liebe rührt. Das kann Musik am besten sagen. Ulrich Amling

POP

Glücklich

sind die Erschöpften

Das Leben als Club-Legende scheint der Konstitution durchaus zuträglich zu sein. So präsentieren sich die Gründungsmitglieder der Stereo MCs, obwohl stramm auf die 50 zusteuernd, bei ihrem Auftritt im proper gefüllten Glashaus der Arena in bemerkenswerter physischer Verfassung. Nick Hallam hat als Herr über Powerbooks und Mischpult den am wenigsten schweißtreibenden Job, aber seine ingeniös gemischten Sounds und Beats sind das Herz der zwischen HipHop, Big Beat und House pulsierenden Songs. Owen If trommelt dazu nervöse Rhythmen, während Rob Birch den Zeremonienmeister alter Schule gibt. Das lichter werdende Haupthaar zu zierlichen Zöpfen geflochten, die empfindlichen Augen von einer Sonnenbrille beschattet, rappt, singt und animiert er im Wettstreit mit einem höchstens halb so alten Tänzerinnen-Duo.

Und da geht einiges: Selbst die wenig bekannten Stücke werden in den druckvollen Live-Versionen abgefeiert, bei ihrem größten Hit, „Connected“ von 1992, kennt der Saal kein Halten. Sogar noch besser kommt der Klassiker „Elevate my Mind“ vom 1990er Album „Supernatural“ an, das die Londoner für kurze Zeit zur besten Hip-Hop-Band außerhalb der USA machte. Das völlig begeisterte Publikum erklatscht und ertrampelt sich zwei Zugaben, mit denen die Herren – beinahe ebenso entrückt wie glücklich erschöpft – ein triumphales Konzert gekonnt ausgrooven lassen.Jörg Wunder

KUNST

Selig sind

die Leichtfüßigen

Götter altern nicht, Götterbilder im Idealfall ebenso wenig. Auch nach 440 Jahren ist er ein schöner Mann. Die etwa einen Meter hohe Bronzeskulptur von Merkur, dem römischen Götterboten und Gott des Handels, des Warenverkehrs und der Diebe, ist das Hauptwerk des niederländischen, in Italien ausgebildeten und in Nürnberg alt gewordenen Bildhauers Johann Gregor van der Schardt. Für ein halbes Jahr ist das nach 1570 entstandene Meisterwerk der Renaissance als Leihgabe des Getty Museum Los Angeles im Bode-Museum zu Gast (Raum 124, bis Februar 2009). Volker Krahn, Oberkustos der Berliner Skulpturensammlung, sieht darin „mehr als nur eine Geste“ der US- Kollegen, handelt es sich doch um eine zentrale Renaissancebronze des kalifornischen Supermuseums. 1995 war die Skulptur (eine von weltweit zwei erhaltenen Originalgüssen in dieser Größe), aus fränkischem Adelsbesitz ans Getty verkauft worden, weil man es zuvor versäumt hatte, sie als unveräußerliches nationales Kulturgut einzustufen. Van der Schardt entwickelte seinen Götterboten übrigens mit Blick auf den „Schwebenden Merkur“ seines Landsmanns Giambologna für Kaiser Maximilian II. Als Ausbund an Eleganz kommt diese Figur daher. Lässig hält Merkur, der Ewigjunge, den Heroldsstab. Selig sind die Leichtfüßigen, denn der Himmel liegt ihnen zu Füßen. Heute reißt man sich in aller Welt um diese Botschaft.Michael Zajonz

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