Kultur : KURZ & KRITISCH

KUNST

Unter der Tünche

liegt der Schatz

Im Deutschen Historischen Museum lässt sich derzeit lernen, dass Provinz ein relativer Begriff ist. Das Kloster Müstair zum Beispiel, tief im schweizerischen Graubünden gelegen, steht gefühlt am Ende der Welt. 774 von Karl dem Großen gegründet, birgt die Kirche des bis heute von Nonnen bewohnten Klosters jedoch einen einmaligen Freskenzyklus aus dem frühen 9. Jahrhundert. Begehbare Bilderbibel damals, Wallfahrtsort für Kunstfreunde heute.

Um 1200, als die Benediktinerabtei in ein Frauenkloster umgewandelt wurde, malte man die Apsiswand im spätromanischen Stil neu aus. Zwischen 1947 und 1951 wurden die Jahrhunderte lang übertünchten Fresken freigelegt und restauriert. Damals hat man die romanische Putz- und Malereischicht abgenommen und konserviert. Nun sind zwei dieser Freskenfragmente als Dauerleihgabe aus Müstair in der ständigen DHM-Ausstellung im Zeughaus zu sehen (Unter den Linden, Abteilung Hochmittelalter, 1. OG). Sie ergänzen den Abguss der ebenfalls um 1200 entstandenen Figur Karls des Großen aus Müstair, die seit einigen Jahren als Staatsgeschenk der Eidgenossen im DHM steht. Der Handlungsraum „deutscher“ Geschichte reichte damals eben bis in die Ostschweiz. Dargestellt sind übrigens die Apostel Petrus und Paulus im handgreiflichen Streit mit Simon Magus. Der „Erzketzer“ wollte ein kirchliches Amt kaufen (daher der Begriff Simonie). Im Mittelalter war das ein hochaktuelles Problem. Kirchenkunst als politisches Statement. Michael Zajonz

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