Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Mit dem U-Boot

in fremde Galaxien

Alles an dieser Band ist etwas anders. Schon die Art, wie Jónsi Birgisson bedächtig mit einem Cellobogen über die Saiten seiner E-Gitarre streicht. Könnte man als Manierismus sehen, würde der kreative Kopf von Sigur Rós nicht gewaltige Klangschleifen erzeugen, die man so noch nie gehört hat. Dazu singt er im ausverkauften Tempodrom mit klarer Kopfstimme in schwindelerregenden Höhen Texte auf Isländisch. Nach dem majestätischen Intro „Svefn-g-englar“ gesellt sich ein Streichquartett zur vierköpfigen Kernbesetzung, wenig später paradiert eine fünf Mann starke Bläsertruppe in schneeweißen Anzügen wie in einem Fellini-Film über die Bühne und verschiebt das hypnotisch wabernde „Sé lest“ in Richtung Rock-Hymne. Die Songs sind fremdartig. Und vertraut. Oftmals am Rande des Skulpturalen. In ozeanischer Melancholie verharrend, explodieren sie in strahlend schönen Refrains, schwingen sich zu Crescendi auf oder wälzen sich in Lärmzuckungen.

Dazu gleiten die Scheinwerfer über die Köpfe der Zuschauer, die sich wie Bewohner eines Korallenriffs wiegen. Der sanguinische Mitklatsch-Hit „Gobbledigook“ wäre ein fantastischer Abschluss, aber Sigur Rós werfen für die Zugabe noch mal alles in die Waagschale. 13 Leute stehen auf der Bühne und klingen wie Sgt. Pepper‘s Yellow Submarine Band mit den Trompeten von Jericho und Moby Dick als Sänger – überwältigend. Über zwei Stunden dauert der berauschende Trip in fremde Galaxien: Grenzenloser Jubel und glückliche Gesichter. Jörg Wunder

YOUNG EURO CLASSIC

Mit dem Nationalhelden

über Stock und Stein

Zitiert oder geklaut? Was auch immer der finnische Komponist Uuno Klami (1900 – 1961) beabsichtigt hat: Erstaunt ist man schon, Bruchstücke des Ravelschen Bolero in seinen stimmungsvollen „Merikuvia“ (Meeresbildern) zu hören. Was die Besucher im Konzerthaus leider von der Tatsache ablenkt, dass Klami als einer der wichtigsten finnischen Orchesterkomponisten gilt. Zumindest bei denjenigen, die Sibelius zwar lieben, aber auch nicht immer hören wollen.

Was aber den Nationalhelden Sibelius betrifft, so liebt ihn das Sinfoniaorkesteri Vivo ebenso wie es an ihm leidet – Letzteres im Violinkonzert. Hier will Dirigent Esa Heikkilä alles richtig machen: Worüber der Atem oft zu flach wird und der Klang zu stumpf. Details für Kenner arbeitet er zwar sorgfältig heraus (so das Wechselspiel zwischen Sologeige und Flöten im zweiten Satz), simple Pedaleffekte der Bässe und Bläser vernachlässigt er jedoch. Selbst die Solistin Elina Vähälä bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ihr Ton ist voller Ausdruckskraft, aber wo es sehr virtuos wird, da verbirgt sie ihre Nervosität schon einmal hinter kühler Geschäftigkeit. Risikofreudiger gibt sich das Ensemble in Sibelius’ Tondichtung „En Saga“: Intonationsfehler werden in Kauf genommen, die Dynamik wird ausgereizt – und schlicht ergreifende Wirkungen erzielt. Ach, und die Uraufführung von Uljas Pulkkis' „Vernal Bloom“? Eine technisch gut gemachte Orchestersteigerung mit einem originellen Spannungsabfall. Ein Werk für diejenigen, die Klami lieben aber auch nicht immer hören wollen. Carsten Niemann

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