Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Ein langer

wilder Fluss

Gerade hat man sich die kaleidoskopischen Verästelungen des Debütalbums von Yeasayer in Gänze erschlossen, da ist das Quartett aus Brooklyn schon ein paar Ecken weiter. Die Jasager kommen einfach nach sechs Monaten wieder ins Lido und machen alles noch besser als beim grandiosen Konzert im Februar. Yeasayer verweigern sich dem Naheliegendem, dem Hit, und generieren daraus betörende Schönheit. Sensationell, wie das spinnwebfeine und zugleich machtvoll jubilierende „Waiting for the Summer“, ein grandioser Singalong-Ohrwurm für postmoderne Blumenkinder, als brodelnde No-Wave-Ursuppe serviert wird, deren Oberflächenspannung sich nur kurz im euphorischen Refrain entlädt. Oder wie sie bei „2080“ mit einem schweren Vierviertel-Beat für Sekunden andeuten, dass sie sehr wohl LCD-Soundsystem-artige Discohymnen spielen könnten, wenn sie nur wollten.

Man darf bei diesen Liedern keine Sekunde unaufmerksam sein, sonst hat man schon wieder ein unglaubliches Break von Trommel-Muskeltier Luke Fasano oder einen blechernen Bollywood-Gitarrenlauf von Anand Wilder verpasst. Ganz zu schweigen von dem Bass-Hünen Ira Wolf Tuton, der mit der zerbrechlichsten Männerstimme seit Robert Wyatt hinreißende Kontrapunkte zu Chris Keatings kehligem Melodiegesang intoniert.

Yeasayer machen Musik, die nach allen Pop-Gesetzmäßigkeiten eigentlich nicht funktionieren dürfte: Da bricht polyrhythmischer Freistil-Funk über archaisches Folk-Geheul herein, zerschellen fragile Afropop-Basteleien an Heavy-Rock-Klippen, reiten zerzauste Doo-Wop-Schaumkronen über aufgewühlter Progrock-See. Und alles geht wundersam zusammen, ist ein langer wilder Fluss. Sagenhaft! Nach 75 bis zum Anschlag intensiven Minuten lauter und berechtigter Jubel. Bitte bald wiederkommen! Jörg Wunder

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