Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

In Gedanken

Gondel fahren

Venedig liegt nicht an der Spree, zumindest aber im Bereich des Vorstellbaren, wenn man die Spree-Terrasse des Radialsystems betritt. Statt Gondeln fahren hier zwar Dampfer, dennoch wirkt die Atmosphäre stimmig für eine Yellow Lounge, in der Albrecht Mayer seine aktuelle CD „In Venedig“ präsentieren wird.

Klassik flirtet mit Popkultur. Ein Konzept, auf das die Veranstaltung seit mehreren Jahren sehr erfolgreich setzt, und das auch das Radialsystem mehr als gut und überwiegend jung und szenig füllt. Man genießt die letzten Sonnenstrahlen zu Klängen klassischer Musik, von einem DJ live aufgelegt und harmonisch wie rhythmisch passend gemixt. Auch drinnen erinnert vieles eher an ein Popkonzert: Das Publikum steht, trinkt Bier oder Wein und Mayer wird später Witze und kurze Anekdoten zwischen den Konzertsätzen erzählen. Schon eine Stunde vor Beginn reservieren sich die Ersten gute Plätze für den Auftritt des Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, der sich ein sechsköpfiges Ensemble zur Verstärkung mitgebracht hat. Gleich zu Beginn von Vivaldis Oboenkonzert wird klar: Hier konzertiert ein außergewöhnlicher Musiker, der es – auch dank des glänzenden Sextetts – versteht, der Barockmusik sprühende Lebendigkeit zu verleihen. Mayer spielt bewegt und bewegend und entwickelt bei den Oboenkonzerten von Alessandro Marcello und Antonio Lotti einen Ton, der Venedig tatsächlich an die Spree holt. Wenn auch nur für einen Abend. Daniel Wixforth

KUNST

In der Ecke

Türme bauen

Klaus Schmitt ist kein Künstler, der die Perfektion sucht. Das schwarze Quadrat „Heraklit“ an der einen Wand ist ein wenig auseinandergezogen, so dass die Holzpalette darunter sichtbar wird. Gegenüber hängt, weißes Acryl auf Holz, das minimalistische „Trio“: Der Raum im Raum entsteht über eine in das Zimmer hineinragende Senkrechte. Und auch die ist weder ganz in der Objektmitte, noch ist sie hundertprozentig gerade. Die Ausstellung „7“ im Mies-van-der-Rohe-Haus (Oberseestr. 60, Di-So 11-17 Uhr, bis 21.9., Eintritt frei) zeigt eindrücklich, wie wichtig dem Uecker-Schüler Schmitt das Moment einer räumlichen Irritation ist.

Die sieben Arbeiten wirken wie Kraftzentren, die die klaren Linien des Hauses aufnehmen und energetisch aufzuladen scheinen. Vor allem die titelgebende Arbeit „7“, ein Arrangement von Holzlatten und Rechtecken in kräftigen Farben, zieht die Augen des Besuchers magnetisch an. Wie es Tradition ist an diesem Ort, den Mies van der Rohe 1933 als Wohnhaus konzipierte, reagiert der ausstellende Künstler mit seinen Arbeiten auf die klare Architektur des Hauses, in das viel Licht und Luft strömt. So kommuniziert Schmitts weißes und holzfarbenes Objekt „Turm der Arbeit“ mit der „toten“ Ecke des Wohnzimmers. In der Halle, deren Fensterfront den Blick auf die Terrasse freigibt, hängt an der gegenüberliegenden Wand die Arbeit „Alu“. Auf den halbmatten Aluminiumflächen spiegelt sich das Sonnenlicht, selbst der Rasen draußen wird als diffuser grüner Schimmer eingefangen. Eva Kalwa

KUNST

Im Studio

Krieg spielen

Rufe hallen durch den Ausstellungsraum. Rauschen ist zu hören, und Laute, die wie Schüsse klingen. Sie dringen aus acht Monitoren, auf denen Daniel Barroca Privatfotos portugiesischer Soldaten flimmern lässt. Die Videoinstallation „Soldier Playing with Dead Lizard" bezieht sich auf den Kolonialkrieg in Guinea-Bissau (1963-1973), über den zu Zeiten der Junta höchstens unter vorgehaltener Hand gesprochen wurde. Andeutungen prägen auch die Bilder: Unschärfe, Kratzer, fehlende Gesichter. Barroca, ein Sammler historischer Spuren, stammt aus Lissabon und ist zu Gast im Künstlerhaus Bethanien (Studio 2+3, Mariannenplatz 2, bis 31.8., Mi-So 14-19 Uhr).

Barroca und das Duo Libia Castro (Spanien) und Ólafur Ólafsson (Island) zählen zu den letzten Artists-in-Residence, die die Räume des ehemaligen Krankenhauses nutzen. Das Künstlerhaus Bethanien wird nach Querelen mit den Hausbesetzern fortziehen. In diesem Zusammenhang entbehrt es nicht der Ironie, dass Castro & Ólafsson mit Aktivisten-Gruppen zusammenarbeiten – auf Kuba, in den Niederlanden oder der Türkei. Unterschiedlichste Medien nutzend, reflektieren die Künstler das Thema Migration. Flaggen mit Uterus-Motiven fallen ins Auge; kleinstes Objekt ist eine 81-CentBriefmarke mit der Aufschrift: „Dein Land gibt es nicht“. Jens Hinrichsen

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