Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

METAL

Zottel

auf Zack

Große, wirre Augen. Der dazugehörige Körper sieht aus wie eine Mischung aus Bob Marley und Che Guevara, der sich im Regenwald verirrt hat: kriegerisches Camouflage-Outfit, struppiger Vollbart und verfilzte Dreadlocks. Da haben wir ihn wieder: Max Cavalera oder Zottelmaxe, wie er von seinen Fans genannt wird. Schon als Sänger und Gitarrist der brasilianischen Metal-Combo Sepultura hat der Mann Kultstatus erreicht, bevor er diese im Streit verließ, um 1997 Soulfly zu gründen, die sich mit Anleihen brasilianischer Folklore vom hanswurstigen Thrash-Metal abheben konnten. Das aktuelle Album „Conquer“ (Roadrunner) brettert im bewährten Wegpuststandard durch offene Metal-Türen. Und auch bei der Live-Präsentation im randvollen Columbiaclub gibt es die zu erwartende Fettriff-Suppe. Volle Bratzbreitseite ohne Wimmerkummer, reingeklumpt in Mengen, was andere in kleiner Dosis zu sich nehmen und von stammesmäßig ritueller Dauerenergie nach vorn gepeitscht.

„Un, dos, tres“ brüllt der stramme Max, der sich auf der Bühne wohlfühlt wie ein Guerilla im Nebel, mit seiner im brasilianischen Nationallogo lackierten Gitarre im Anschlag. Daneben Marc Rizzo, der an der Leadgitarre mit einem intensiven Quietsch-Flamenco-Solo glänzt, während Bobby Burns den Bass pumpt und Joe Nunez ins Schlagzeug drischt. Absolute Doomsday-Oberliga, diese stumpfmitreißenden Schlachtgesänge für diskrete Gröhler mit Blick für die graue Wirklichkeit: „Blood! Fire! War! Hate!“ Weitere Höhepunkte der 75 Minuten sind „Jump The Fuck Up“, „Chaos A.D.“, „Prophecy“, „Babylon“, „Back To The Primitive“ und „Eye For An Eye“ als letzte Zugabe. Und wenn sie mittendrin sind im schönsten Radau, dann brechen sie einfach ab und holen sich für eine Trommelsession zwei Leute aus dem Moshpit-Getümmel vor der Bühne, in dem gerade mein mitgebrachtes Butterbrot zerkrümelt wird. Homogener kann stures Ballern kaum sein. Volker Lüke

KUNST

Baguette

mit Brancusi

Als Berenice Abbott von New York 1921 nach Paris ging, war sie eine Suchende. Bei Bourdelle und Brancusi setzte sie das Kunststudium fort, später durfte sie als Assistentin für Man Ray arbeiten. 1929 kehrte Abbott als hoffnungsvolle Fotografin nach New York zurück. Hier entstanden in den Dreißigern ihre berühmten Schwarzweißaufnahmen von der Lower East Side, von zum Himmel aufschießenden Wolkenkratzern und Straßenschluchten, wo die Menschen zu verschwinden drohen. Ein gutes Dutzend dieser Bilder zeigt die Galerie Kicken in einer Doppelausstellung, und noch einmal scheint die Großstadtbegeisterung jener Jahre zum Greifen nah (Linienstr. 161a, bis 30. August, Di.–Sa. 14–18 Uhr).

Fritz Henle kam erst 1938 nach Paris, nachdem er zuvor die halbe Welt bereist hatte. In Paris betrat der Emigrant gleichsam vertrauten Boden, und kaum ein Betrachter wird sich der Wärme, die seine Arbeiten ausstrahlen, entziehen. Liebespaare und Angler am Ufer der Seine, eine junge Frau mit einem Baguette unterm Arm, ein Priester, der sich im Gehen in sein Brevier vertieft – all das sind vertraute Motive. Neben der exakten Architekturfotografie von Berenice Abbott bewirken sie jedoch fast Glücksgefühle: Immer waren es Menschen in einer mit ihnen und nicht über sie hinaus gewachsenen Stadt, die Henle auf den Auslöser seiner berühmten Rollei drücken ließen. Die Arbeiten der Fotografen nebeneinander zu sehen, ist mehr als eine Erinnerung an die klassischen Zeiten der SchwarzWeiß-Fotografie. Es ist auch eine Lektion über zwei Arten, die Welt zu sehen – und zu fotografieren. Hans-Jörg Rother

KLASSIK

Stochern

mit Schubert

Schon auf der Busfahrt erwachen heitere Gefühle, die das Flair der Brandenburgischen Sommerkonzerte bestimmen. Auch bei schlechtem Wetter. Die Landpartie geht nach Burg, dem Erholungsort im Spreewald. Da sollte man einmal Ferien machen! Bleibt an diesem Wochenende die Kahnfahrt wegen Nieselregens in der Andeutung stecken, so genießt man die besonders freundliche Betreuung der Gemeinde bei der Kaffeetafel, die Führung in eine sorbische Trachtenwerkstatt, wo Sticken und Stecken zum traditionellen Handwerk gehören, und den Bummel zum Spreehafen. Nichts fällt ins Wasser, wenn die Stimmung stimmt.

In der frühklassizistischen Kirche erklingt eine wohldosierte Mischung aus hoher A-cappella-Kultur und Unterhaltung à la Kreisler. Vier ehemalige Thomaner und eine Sopranistin bilden das Calmus Ensemble, das erlesene Vokaltechnik pflegt. Die Ausdruckschromatik Gesualdos kann nicht kühner wirken als durch die Intonationsreinheit der Leipziger Sänger. Sie brillieren darin, Chormusik von Debussy und Brahms solistisch zu sensibilisieren. Dabei durchleuchten sie Distlers „Feuerreiter“ so fein, dass die hechelnde Dramatik eher diskret bleibt. Problematisch wird es bei den Arrangements von Schubertliedern wie dem „Erlkönig“, weil deren Inhalte hinter verteilten Rollen und der vokalen Imitation des Klavierparts verblassen. Liedinterpretation der „Forelle“ und witzig kullernde Sechzehntel in der Bassstimme sind zweierlei. Sybill Mahlke

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