Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Gezwungener

Zusammenhang

Die Idee an sich ist gut: Zur Saisoneröffnung will das Konzerthausorchester mit den Stühlen im Parkett auch eine Menge Konventionen wegräumen. Freiheit für das Publikum, auch geistige! Nur leider funktioniert das nicht. Wer steht schon gerne stundenlang, ohne wenigstens promenieren zu können, weil es zu voll ist? Neidvoll gehen die Blicke in die Ränge, wo man weiterhin sitzt. Auch musikalisch will die Idee der Promenade nicht so ganz zünden. Verbunden durch eigenwillige Interpretationen von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ steht eine unerträgliche Zusammenstellung der größten und abgenudelsten Klassik-Reißer auf dem Programm: Walküren-Ritt, Carmen-Vorspiel, Radetzky-Marsch. Zwar gibt es Lichtblicke wie Andreas Grau und Götz Schumacher, die Schubert vierhändig spielen, als seien sie ein Wesen mit zwei Köpfen. Und ein dünner programmatischer Zusammenhang wird spätestens mit Bernd Alois Zimmermann sichtbar, der all das in seinem Ballett „Musique pour les soupers de Roi Ubu“ zitiert. Aber der Münchner Rezitator Georg Blüml macht mit seinen angestrengt moralisierenden und ziemlich überflüssigen Ausführungen zur Lage in Deutschland die Wirkung der Musik zunichte. Wer nicht die Flucht ergreift, sondern bis zur öffentlichen Probe Lothar Zagroseks mit dem Publikumsorchester bleibt, wird allerdings belohnt. Er erlebt einen großen Entertainer am Pult, der die Titanenarbeit mit dem riesigen Laienorchester (17 Klarinetten!) souverän schultert. Das Ergebnis ist ein recht passabler Klang. Starker Applaus für eine Idee, die funktioniert. Udo Badelt

SKULPTUR

Gelehrter

Kopf

Volksfeststimmung im Lustgarten: Ein gemischter Chor hat Aufstellung vorm Dom genommen, an der Fontäne spielt ein Saxofonist. Drinnen im Alten Museum geht es würdiger zu. Museumsgeneraldirektor Peter-Klaus Schuster und Andreas Scholl, Direktor der Berliner Antikensammlung, danken Hans und Margareta Mommsen. Der hellenistische Kopf eines Herakles oder Faustkämpfers, den das Historikerehepaar der Antikensammlung schenkt, ist eine außergewöhnliche Gabe. Das Skulpturenfragment aus Marmor stammt aus dem Besitz des Althistorikers Theodor Mommsen. Ausgestellt wird der wohl im 2. Jahrhundert v. Chr. entstandene Kopf vorerst gleich neben dem „Betenden Knaben“: als Hommage an Theodor Mommsen, den weltberühmten Altertumswissenschaftler und – für seine „Römische Geschichte“ – Literaturnobelpreisträger von 1902 (Altes Museum, bis 15. März 2009).

Der emeritierte Bochumer Zeithistoriker Hans Mommsen umreißt in einer kurzen Ansprache die Bedeutung seines Urgroßvaters für die Gegenwart. Deutschland könne sich in seiner Geschichte nicht vieler Persönlichkeiten rühmen, die wie dieser „durch rückhaltloses Eintreten für liberale demokratische Prinzipien“ und Stellungnahme „gegen den Obrigkeitsstaat“ aufgefallen seien. In den Augen seiner Zeitgenossen war Theodor Mommsen ein Linker, ganz sicher aber ein Genie – doch Kunstsammler ist er nicht gewesen. Umso erfreulicher die Qualität des Kopfes, wohl eines Schwerathleten, wie er in Olympia aufgetreten sein könnte. Brot und Spiele – drinnen wie draußen. Michael Zajonz

KUNST

Gereifter

Stein

Steinesammeln macht Spaß. Kaum wird der Strandurlauber allerdings „Knochen der Erde“ oder „Kristallisationspunkte kosmischer Energie“ in seinen Fundstücken erkennen. Die Chinesen gehen weit philosophischer an die von Mutter Natur mal edel, mal bizarr geformten Brocken heran. Das Museum für Asiatische Kunst präsentiert in Zusammenarbeit mit der Deutschen Suiseki-Gesellschaft „Die Kunst der Steine“ (Lansstraße 8, bis 12. November). Insbesondere faszinieren die 22 Beispiele der mindestens 2000 Jahre alten Suiseki-Tradition. Suiseki („Wasser-Stein“) ist die hohe Kunst, durch besondere Form, Färbung oder Struktur aufgefallene Steine auf Holzsockeln oder in Keramikschalen zu präsentieren. Um den Verwitterungsprozess zu forcieren, wurden ausgewählte Stücke bis zu 100 Jahre in Seen versenkt (Taihu-Steine). Die „Gelehrtensteine“ dienen noch heute der Betrachtung und Meditation. Wirklich: in einer von Hohlräumen reizvoll durchlöcherten Skulptur wie „Harmonie von Raum und Leere“ kann sich der Betrachter verlieren, in einem Bonsaigebirge wie „Heimat“ glatt „verlaufen“. Jens Hinrichsen

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