Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Freundschaft,

schöner Götterfunke

Der 60. Geburtstag des RIAS-Jugendorchesters fällt ins Jahr der Staatsgründung Israels. Eine naheliegende kulturpolitische Entscheidung war da die Zusammenarbeit mit dem Young Israel Philharmonic Orchestra. Den deutschen Wurzeln vieler Israel-Einwanderer trug in der Philharmonie die 1. Symphonie Paul Ben-Haims Rechnung, der einst Paul Frankenberger hieß und 1933 nach Palästina floh. Als Vertreterin deutsch-österreichischer Musiktradition drängte sich Mahlers 1. Symphonie mit ihren süffisanten Einsprengseln jüdischer Folklore geradezu auf. Im Konzert dann allerdings erwies sich die Kombination als problematisch: Zehn Tage Probenzeit reichen offenbar nicht, um zwei Nachwuchsorchester aufeinander einzuschwören. Einsätze und gemeinsame Tonwechsel im Streicherapparat klapperten, Fortissimostellen wurden kaum dramaturgisch gegeneinander abgestuft. Wenn der in Israel geborene und in Deutschland ausgebildete Dirigent Ariel Zuckermann auch durch die technische Ökonomie seiner Zeichengebung beeindruckte, so war es doch für die Musiker nicht an allen Stellen die richtige. Deren spielerisches Potential zeigte sich durchaus, doch vielleicht hätte es eines orchesterpädagogisch erfahrenen Altmeisters bedurft, um solche Qualitäten zu bündeln und Mahlers schrille Abrechnung mit der symphonischen Tradition auch als solche zu zeigen. Matthias Nöther

KLASSIK

Dabei sein

ist alles

Auf dem Bebelplatz ist kein Platz mehr: Dicht gedrängt stehen, sitzen, lagern am Sonntagnachmittag Tausende neben der Staatsoper, um sich Beethovens 9. Symphonie anzuhören. Hans-Reiner Schröder vom Sponsor BMW Berlin will wissen, wer schon am Vorabend bei „Fidelio“ war – mindestens die Hälfte der Anwesenden hebt die Hand. Dann folgt die gute Botschaft, dass es „Staatsoper für alle“ auch 2009 geben wird. Daniel Barenboim dirigiert die „Neunte“ mit Gespür für Massenwirksamkeit, aber ohne Effekthascherei. Mag seine kosmopolitische Botschaft auch ähnlich allgemein sein wie die seines Public-Viewing-Konkurrenten Barack Obama: Sie hat mehr Substanz. Dank der Bildregie nimmt es der Maestro auch optisch mit dem Präsidentschaftskandidaten auf: Wir sehen Barenboim aus der Musikerperspektive als emotionalen Titanen vor strahlend blauem Himmel mit den Simsfiguren der Humboldt-Universität zu beiden Schultern. Im Vergleich dazu lässt die akustische Verstärkung – erstmals tritt das Ensemble der Staatsoper live auf dem Bebelplatz auf – zu wünschen übrig. Denn auch wenn das verzagte Ächzen der Boxen unter der Klanggewalt des Schlußchores die dramatische Wirkung noch steigert: In der Ifa-Stadt sollte sich eine Anlage finden lassen, die mehr Zwischentöne überträgt. Carsten Niemann

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