Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Arm in Arm

und mit viel Charme

Es wirkt wie ein Akt der Versöhnung: Christian Höppner, Präsident des Landesmusikrates Berlin, und André Schmitz, hauptstädtischer Kulturstaatssekretär, die sich noch im Juli im Tagesspiegel ein verbales Duell um die kulturelle (Aus-) Bildung der Berliner Jugend lieferten (8./18.7.), stehen mit einem gemeinsamen Anliegen auf der Bühne des Konzerthauses. Dem Landesmusikrat Berlin zum 30. Geburtstag zu gratulieren. So sitzen die eigentlichen Hauptdarsteller des Abends, die Musiker des Landesjugendorchesters Berlin bereits eine halbe Stunde auf der Bühne, bevor sie die ersten Töne von Joseph Haydns „Sinfonia Concertante“ für Violine, Cello, Oboe, Fagott und Orchester spielen dürfen. Dies mag ein Grund dafür sein, dass das Orchester unter der Leitung von Martin Braun anfangs nicht ganz bei der Sache zu sein scheint. Die filigrane Leichtigkeit bleibt etwas auf der Strecke. Das Solisten-Quartett – allen voran die für ihre 19 Jahre fabelhaft selbstbewusste Geigerin Luisa Rönnebeck – beweist sowohl für die Haydn’sche Melodik als auch für einander ein ausgeprägtes Gespür.

Bei Schuberts 3. Sinfonie zeigt das Orchester dann doch seine Qualitäten: Mit weichem Streicherklang und einer für ein Jugendensemble ungewöhnlich exakten Holzbläsergruppe arbeiten die Musiker wienerischen Charme und volkstümliche Melodik toll heraus. Dass in der Pause ein Patenschaftsvertrag zwischen dem Orchester der Deutschen Oper und dem LJO unterzeichnet wird, beflügelt die jungen Musiker bei Beethovens 3. Sinfonie augenscheinlich noch einmal. Hier findet das Orchester zur Leidenschaft, der Komponist der Französischen Revolution entgegenbrachte. Im Adagio bewegt ein von tiefer Trauer getragener Ton, der klanglich den Höhepunkt des Abends darstellt, und bestätigt, was Christian Höppner schon in seiner eröffnenden Rede feststellte: „Musik spricht für sich allein!“ Daniel Wixforth

KUNST

Über den Dächern

von Kairo

Die meisten Touristen besuchen in Kairo die Pyramiden, das ägyptische Museum und den Bazar Khan el Khalili. Ansonsten bleiben ihnen von der ägyptischen Hauptstadt das Verkehrschaos und die Menschenmassen in Erinnerung. Doch wie diese Metropole sich ständig verändert und ihre Bewohner zu extremer Flexibilität zwingt, bleibt oft verborgen. 18 ägyptische und westliche Künstler, die in Kairo gearbeitet haben, zeigen im Kunstraum Kreuzberg im Künstlerhaus Bethanien unter dem Titel Cairoscape nun ihre Visionen vom Leben in der afrikanisch- arabischen Metropole (Mariannenplatz, bis 12. 10.; tägl. 12-19 Uhr). Damit geben sie zugleich einen Einblick in die hier noch immer relativ unbekannt aktuelle Kunstproduktion des Landes.

Die Fotoserie von Randa Shaath richtet ihren Blick auf die „unsichtbaren“ Bewohner der Dächer Kairos, wo ganze Familie mitsamt Hühnern und Ziegen hausen. Hany Rashed stellt seine Pappfiguren an öffentlichen Plätzen auf. Und der Schweizer Christoph Örtli lässt in seinem Film einen Protagonisten durch leere Straßen laufen – Kairo ohne Bewohner, was eigentlich nur zum Zeitpunkt des kollektiven Fastenbrechens im Ramadan für wenige Minuten Wirklichkeit ist.Andrea Nüsse

PUPPENTHEATER

Rapante, lass

dein Haar herunter!

Da sage nochmal einer, das Internet halte die Menschen von der Kunst ab. Es bringt sie dorthin! Bei YouTube hat dasschräge Handpuppentheater von René Marik längst Kultstatus erreicht, und so ist auch die Bar jeder Vernunft zur Premiere seines Programms „Autschn!“ (bis 11.9., tgl. außer Mo 20, So 19 Uhr) extrem gut gefüllt. Vorfreudige Ungewissheit macht sich breit. Schließlich sind die im Netz kursierenden Sketche sehr kurz. Gelingt Marik ein abendfüllendes Programm?

Auf der Bühne ein schwarz umhülltes Podest – wie im Puppentheater. Ein Frosch taucht auf, stellt sich in altklugem Ton als Pantomime-Künstler vor und gibt als Ehemann, der seine Frau in flagranti beim Fremdgehen erwischt, gleich eine Kostprobe seines Könnens. Pikiert über das lachende Publikum, das die wahre Größe seiner Kunst verkenne, verschwindet er wieder. Es ist diese Kombination aus dem infantilen Touch von Puppentheater und dem bemüht gestelzten Gebaren von Mariks tierischen Darstellern, die in solchen Szenen das Publikum begeistert. Die kurzen Pausen nutzt der studierte Puppenspielkünstler dazu, selbst die Bühne vor der Bühne zu betreten und mit charmant-ironischem Humor kitschige Liebeslieder und Gedichte vorzutragen.

Auf der Puppenbühne erscheint nun der Turm eines Märchenschlosses. Jubel im Publikum. Man kennt die Nummer aus dem Netz, in der ein cholerischer Maulwurf mit schwerem Sprachfehler Rapunzel dazu bewegen will, ihr Haar herunterzulassen: „Rapante, Rapante! Lass‘n Haag rande!!“ Das Flehen wird von Rapante nicht erhört und zu allem Überfluss rennt der Maulwurf – von Natur aus blind und tollpatschig – auch noch gegen den Turm. „Autschn!“

Marik bewegt und spricht die Stofffiguren so virtuos, dass er sie tatsächlich zum Leben zu erwecken scheint. Und immer wieder verblüfft sein Gespür für optischen und akustischen Witz. Diese Mischung aus Puppenkabarett, Musik und Stand-Up-Comedy sucht selbst in Berlin ihresgleichen. Daniel Wixforth

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