Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Triebwerke

im Orchestergraben

Peter Eötvös tat gut daran, ein Violinkonzert zu schreiben, bei dem der Solopart reizvoll von sechs im Raum verteilten Soloviolinen flankiert wird. Weniger gut tat er daran zu verraten, dass ihn der Absturz der Raumfähre Columbia inspirierte. Denn nun werden die Violinen beim Musikfest Berlin zu Seelen der Astronauten, Orchestergrollen zum Röhren von Triebwerken und Glissandi zu Absturzgeräuschen. Daran können weder die für perfekte Klangschönheit bejubelte Solistin Akiko Suwanai noch die hoch motivierten Göteborg Symfoniker noch der am Pult für den erkrankten Komponisten eingesprungene Alexander Briger etwas ändern. Schon deswegen nicht, weil man zuvor in Olivier Messiaens „Tombeau resplendissant“ mit seiner kalten Wut gezeigt hat, was echte Trauer ist. Nach den Höhen und Tiefen der ersten Programmhälfte kann Alexander Skrjabins Symphonie „Le Divin Poème“ die Gemüter in der Philharmonie nicht mehr bewegen. Briger dirigiert das Heldenepos zwar wunderbar forsch. Die Göteborger glänzen zudem mit allen Tugenden des „nordischen“ Tons. Doch den „Voluptés“ fehlt es schlicht an Dekadenz. Helden von altem Schlag bedürfen einer gewissen Fallhöhe. Carsten Niemann

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