Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Möbelpacker

der Geschichte

Heiner Müller ist nach wie vor für einen Aphorismus gut. „Schlagt euch nicht die Schädel ein, zerbrecht euch lieber den Kopf“, heißt es in seinem Lehrstück Der Lohndrücker, das Kerstin Lenhart nun in den Sophiensälen auf die Bühne gebracht hat (wieder 10. bis 13. Sept.). Der Text birgt noch einiges mehr Bedenkenswertes, nur kann man leider nicht behaupten, er würde einem hier nahe gebracht.

Müllers „Lohndrücker“, eines der frühen Stücke aus der Produktion, geht vom authentischen Fall des Feuermaurers Hans Garbe aus, der sich um die Reparatur eines Ringofens bei laufendem Betrieb verdient gemacht hatte und dafür in der DDR als hitzeresistenter Held der Arbeit gefeiert wurde. Bei Müller heißt der Mann Balke, hat eine Nazivergangenheit und geht seinen Genossen durch Überplansollerfüllung auf die Nerven – erzählt wird im „Lohndrücker“ von den inneren Widersprüchen des sozialistischen Aufbaus, von einer neuen Gesellschaft, die mit dem alten Personal auskommen muss, sprich: fehlbaren Menschen. Bei Lenhart arbeiten sich acht sehr unterschiedlich begabte Schauspieler an dieser Szenenfolge ab. Die Bühne von Michael Böhler ist komplett mit Pappe ausgekleidet, was wohl den Modellcharakter des Geschehens versinnbildlichen soll und an einen gewaltigen Umzugskarton denken lässt. Die Spieler in ihren roten Overalls wandern darin wie Möbelpacker der Geschichte umher und entsorgen als Erstes den historischen Kontext – was bleibt, ist eine maue Parabel auf die eigenen prekären Arbeitsverhältnisse in der freien Theaterszene. Patrick Wildermann

DESIGN

Die Henne

und das Ei

Gutes Design und DDR, geht das zusammen? In ostalgisch verklärter Erinnerung geblieben sind kultige Peinlichkeiten wie Eierbecher in Gestalt von Plastikhennen. Über hochwertigere Produkte „made in GDR“ informiert nun Das große Lexikon DDR-Design von Günter Höhne (Komet Verlag, Köln 2008, 408 S., 19,95 €). Der Autor, bis 1990 Chefredakteur der Ost-Berliner Designzeitschrift „form + zweck“, bietet ein äußerst anregendes Kompendium ostdeutscher Produktkultur. Lediglich die überwiegend schwarz-weiß auf mattem Papier gedruckten Abbildungen fallen ab – selbst wenn sich ihre Kargheit der strengen Linie des Ost-Designs anzupassen scheint. Lexikalisch geordnete Stichworte informieren über Produkte, Firmen und Entwerfer. Die Spar- und Zwangsökonomie der DDR bleibt allgegenwärtig. Und dennoch springen viele vorbildliche, oft an der Bauhaustradition orientierte Entwürfe ostdeutscher Designer ins Auge. Im Vergleich zum Westen sind sie häufig Prototyp geblieben. Konkurrenzfähig wären sie allemal gewesen. Nimmt man die Fantasie und nicht die Ökonomie zum Gradmesser, bleibt der Design-Kampf der Systeme lange unentschieden: bis hin zum Werk des Gebrauchsgrafikers Ernst Rudolf Vogenauer. Er entwarf in den Fünfzigern Briefmarken für die Bundespost und die Deutsche Post der DDR. Michael Zajonz

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