Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Das Klirren

der Partitur

Vier Stücke der klassischen Moderne spielt das Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek beim Musikfest; viermal Neues, das so neu nicht mehr ist, Grisey, Strawinsky, Messiaen, Skrjabin, vier Besetzungen, von klein und konzentriert bis übergroß, viermal alle Möglichkeiten, Instrumentalfarben zu splittern und längere Formen in Einzelteile zu zerlegen. Zum Beispiel die 1977 entstandenen „Modulations“ von Gérard Grisey für 33 Musiker. Sie sind seinem Lehrer Messiaen gewidmet, dessen „Couleurs de la cité céleste“ für Klavier (Ueli Wiget, beherzt, mit lauter Clustern und glasklarem Fingerspiel), Bläser und Schlagzeug nach der Pause erklingen und sich in ihrem Klirren so gar nicht nach himmlischer Stadt anhören wollen, auch wenn Messiaen die Partitur buchstäblich koloriert hat, mit edelsteinhell gefärbten Akkorden. Ein paar mehr als 33 Musiker aber sind es bei Grisey nun doch, die schnarrend, klappernd, wie ausgetrocknet anheben, bald schon langsamer werden und klangreicher, orchestrale Atemzüge vollführen und nach einem großen Crescendo-Countdown abbrechen, Lichtstrahl auf den Beckenschläger, aus.

Der andere Höhepunkt des Abends: Skrjabins „Le Poème de l’extase“ von 1908, ein gärendes, sich immer wieder hochwühlendes Stück für Riesenorchester, das klingt wie nach einer irisierenden Oberfläche, unter der Großes, mindestens WagnerArtiges hervorbrechen will und in dessen Dröhnen Glocke und große Trommel einfallen. Zagrosek dirigiert zum Mitschreiben genau; allein, dass seine Musiker fast zu diszipliniert vorgehen und erst mit der Zeit bereit sind, sich etwa auf die weich beutelnde Art des „Poème“ einzulassen, dürfte man anmerken. Schade, dass die Philharmonie an diesem Abend nicht gut besucht ist. Christiane Tewinkel

COMEDY

Die Spitzen

der Pfeile

Am besten ist er, wenn er spontan ist. Wenn er zu seinen Gästen geht, nach Privatleben und Beruf fragt und sich ein witzig-gemeines kleines Wortgefecht ergibt, in dem auch die Zuschauer Humor beweisen dürfen. Die verbalen Flitzebögen hat Oliver Pocher so gut raus wie kaum ein anderer Unterhaltungskünstler. Seine Pfeile sind spitz, aber nicht vergiftet.

Ob solche Improvisationskunst ein abendfüllendes Programm tragen würde? Der Konventionenbrecher Pocher hätte versuchen können, einen eigenen Weg zu finden, anstatt sich mit seinem neuen Programm Gefährliches Halbwissen in großen Teilen auf die ausgetretenen Pfade üblicher Comedy-Geschwätzigkeit zu begeben. Bei der Premiere zur neuen Tournee im Tempodrom zeigt sich Pocher als kampfbereiter Boxer mit rotem Handschuh und Henry-Maske-Attitüde. Die Selbstironie geht in der dröhnend-lauten Musik, den tanzenden Scheinwerferkegel und Feuerfontänen dann aber nahezu unter. Es folgen Lustigmacher übers Privatradio, Fernseh- und Showbusiness und Geschichten aus Pochers Privatleben. Manches ist einfach zu lang oder zündet nicht richtig.

Besser wird es wieder nach der Pause, auch wenn das Beste bereits aus „Schmidt & Pocher“ bekannt ist: Der Zauberkünstler Morta Della, der Botschaften von seinem gelben Gummihuhn „Chicken“ empfängt, und Pochers großartige Olli-Kahn- und Mario-Barth-Parodien. Seine instinktsicheren Überzeichnungen lenken die hämischen Spitzen genau ins Schwarze. Und damit auch dahin, wo die begeisterten Zuschauer am kitzeligsten sind.Eva Kalwa

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