Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

MUSIKFEST

Der nahe

Klang

Das Echo zuerst. Franz Schrekers Kammersymphonie von 1916 sinnt der Musik von gestern hinterher. Mahler verweht, Wagner zerfasert in dieser Geisterstunde der Spätromantik. Der Nachwuchs streunt durch die Nachwelt: Die jungen Musiker der Orchester-Akademie tun es beim Musikfest in der Philharmonie auf Sammetpfoten und doch voller Hingabe. Die aparten Synkopen des Scherzoteils, der Farbschmelztiegel mit den herausspitzenden Soli, das Pianissimo des Horns, das Vibrato der Melancholie: Schreker kennt keine Gewissheit, nur die Dissoziation, die unaufhörliche Metamorphose. Sie verdämmert, wie Bruckners Neunte, in Trance. Ein ferner Klang.

Was für ein Gegensatz. Nach der Pause steht Simon Rattle breitbeinig vor den Philharmonikern, dirigiert mit offenem Mund, suggeriert Hypnose, Verklärung. Die Optik täuscht: Während Rattle in seiner Einspielung der Vierten die Seligkeit des Augenblicks betont, wuchtet er Bruckners unvollendetes sinfonisches Vermächtnis ganz und gar ins Diesseits herüber. Die Neunte, ein naher, sehr irdischer Klang. Schon beim Ur-Tremolo zu Beginn, den leeren Oktaven vor der Mollterz, stoßen die Instrumentengruppen deutlich hörbar dazu, in säuberlich durchbuchstabierter Dynamik. Der Kontrast zwischen dem Pizzicato-Spuk und den stampfenden Tutti im Scherzo: nivelliert in mittlerer Lautstärke, mittlerem Tempo. Das Adagio-Finale: ein endloser, schleppender Kondukt. Kaum dass die Musik den Schrei riskiert oder die Selbstvergessenheit: Jede Kurve schreitet Rattle sorgfältig aus, starrer Blick nach vorn, das Unbezwingbare beiseite lassend. Als ob Bruckners Mechanik sich in Äußerlichkeiten erschöpfte. Christiane Peitz

THEATER

Torkeln

unterm Weihnachtsbaum

Unbändiger Spaß und abgründige Bosheit zugleich: Zwei Polizisten, gutmütig, begriffsstutzig, verlegen, sprengen den Weihnachtsabend eines älteren Ehepaares und damit ein ganzes gesellschaftliches Gefüge in die Luft. Der 1967 in Schottland geborene Autor Anthony Neilson arbeitet in seinem Stück Von Lügen und Lastern, wie in der Komödienliteratur üblich, mit Missverständnissen und Verwechslungen, die sich in halsbrecherischer Geschwindigkeit überschlagen und unentwirrbar chaotische Zustände hervorbringen. Aber er will mehr.

Er macht die biedere Wohnstube zum Schlachtfeld von Einbildung, Angst und Verfolgungswahn. Alles Wirkliche löst sich auf. Was auch geschieht, ist Lug und Trug. Leben und Tod, Jugend und Alter, Tugend und Laster – alles eitel, unwirklich, falsch. Wie zwei Blechkreisel, immer wieder erschöpft, immer wieder neu aufgezogen, torkeln die Polizisten Gobbel und Blunt hochtourig unter dem festlich geschmückten Weihnachtsbaum herum, bis ein Herztod, und der wenigstens scheint unbestreitbar, dem tollen Treiben ein Ende setzt. In der Komödie am Kurfürstendamm bedienen sich Dieter Landuris (Gobbel) und Kai Maertens (Blunt) an der offensichtlichen Komik ihrer Figuren, aber das sehr sicher und, besonders am etwas drögen Beginn, überraschend dezent (bis 19. Oktober, Di.–Sa. 20 Uhr, So. 18 Uhr). Dass scheinbare Biederkeit auch eine subtile Art der Arbeitsverweigerung sein könnte, schimmert da immer wieder durch.

Und wenn die Geschichte in Fahrt kommt, geraten die beiden in quirlige, übermütige Spiellaune, bis zur unvermeidlichen Unterhosen-Präsentation, und zeigen doch auch die verblüffend schlitzohrige Klugheit der Polizisten. Bettina Rehm hat die Komödie in der Ausstattung von Julia Hattstein mit spürbarer Liebe für schuldlos ins Chaos gezogene Leute inszeniert. Vom grellen Spaß findet sie mit ihrem Ensemble immer wieder zu Nachdenklichkeit zurück, alle Verrücktheiten bleiben Spiel, Fantasie, Einbildung. Christoph Funke

KUNST

Das ferne

Bild

Es gibt zwei Möglichkeiten aufzustehen: Die einen springen ohne Aufhebens aus dem Bett, die anderen wälzen sich noch lange hin und her. Die Collage „Guten Morgen“ (2008) zeigt die Wälzmethode. Eine im Morgenschlummer eingerollte Papierschnitt-Figur rotiert auf zehn Phasenbildern einmal um die eigene Achse. Zwei der zwölf Bildtafeln erinnern an verwinkelte Stadtpläne, komplizierte Morgengedanken und Brettspiele zugleich. „Alles ist nur ein Spiel“ lautet die Devise des 1948 in Moldavien geborenen Künstlers Alim Rijinachvili. In seiner Ausstellung in der Jüdischen Galerie Berlin halten sich Leichtigkeit und Melancholie allerdings die Waage (Oranienburger Straße 31, bis 5. Oktober, Mo.–Do. 10–18 Uhr, Fr. 10–17 Uhr, So. 11–15 Uhr).

Vor genau fünfzehn Jahren öffnete die Jüdische Galerie ihre Pforten. Die Institution direkt neben der Neuen Synagoge firmiert als „Integrationsprojekt“, das emigrierte jüdische Künstler vorstellen will. Klassiker wie Marc Chagall oder Anatoli Kaplan waren hier zu sehen – und immer wieder zeitgenössische Künstler aus Deutschland, Osteuropa und Israel. Der an der Kunstakademie in Tiflis ausgebildete Alim Rijinachvili siedelte 1990 nach Deutschland über. Er wurde bereits 1993, im Gründungsjahr der Jüdischen Galerie, vorgestellt. Die aktuelle Schau mit 25 Acrylgemälden, Collagen und Grafiken ist bereits sein drittes Solo am Ort. Auf einer Reihe großformatiger „Wimmelbilder“ tummeln sich hieroglyphenhaft abstrahierte Gestalten. Die Figuren bilden Muster, wirken manchmal wie Kämpfende ineinander verkeilt. Wirklich alles nur Kinderspiel? Jens Hinrichsen

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