Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Mit Schmerzen

und Freude

Als Conor Oberst im ausverkauften Columbia Club die Mitglieder seiner Mystic Valley Band vorstellt, tut er dies mit einer Beredsamkeit, die man dem einsilbigen Songwriter-Genie aus Nebraska nicht zugetraut hätte. Selten hat man Oberst so mitreißend erlebt wie im Kreise dieser fünf Menschen. Gestützt von ihrer traumwandlerischen Spielfreude singt Oberst mit tiefer Inbrunst und spiritueller Eindringlichkeit. Die Musik suhlt sich in der amerikanischen Musikgeschichte, imaginiert das jungfräuliche Country-Utopia von The Band ebenso wie die fiebrigen Powerrock-Hymnen von Bruce Springsteens E-Street Band.

Die Mystic Valley Band erzeugt immense Wucht, wenn die Gitarristen Nik Freitas und Taylor Hollingsworth in „I gotta Reason 2“ ihre Soli ineinanderkrachen lassen und Bass und Schlagzeug dampfhämmern. Und nimmt sich zurück zum geisterhaft gehauchten „Cape Canaveral“ oder zu der ergreifenden, nur von Bassist Macey Taylor begleiteten Moritat „Milk Thistle“. Das Beste hebt sich Oberst für den Schluss auf: eine fantastische Version des uralten Blues-Standards „Corrine, Corrina“. Auf dem Nachhauseweg geben sie einem den rasenden Honky-Tonk- Stomp „I don’t want to die in the Hospital“ mit. Wer wollte sich diesem Wunsch nicht anschließen. Jörg Wunder

DISKUSSION

Der Nächste

macht das Licht an

„Das Gebäude hält das aus.“ Ein bisschen kurios wirkt die Bewunderung der Architekten. Da sitzen sie in einem der schönsten Museen der Welt und staunen darüber, dass der Bau Mies van der Rohes sowohl der umliegenden Stadt als auch der Kunst gewachsen sei. Am 40. Geburtstag der Neuen Nationalgalerie diskutieren Architekten, Künstler und Kuratoren. Gastgeber ist mit Joachim Jäger als kommissarischem Leiter der Neuen Nationalgalerie ein Mann der Gegenwart. Die Erörterung der Sanierungsprobleme wird allerdings verschoben: Die Glasscheiben springen, die Stützen rosten. Die Gesprächsteilnehmer mühen sich, Menschenmaß an das Gebäude anzulegen. Für den Architekturhistoriker Fritz Neumeyer belegt der Entwurf, wie Architektur den Menschen aufrichtet. Er rette aber auch manchen Mitspieler in der Umgebung vor dem Mittelmaß.

Größe oder Schwäche – die Glashalle bringt es an den Tag. In ihr liegt die Chance für die Neue Nationalgalerie. Klar formuliert das der Architekt Wilfried Kuehn vom Büro Kuehn/Malvezzi. Die unteren Räume – konservativ ausgerichtet – könnten als Schaudepot dienen. Die obere Halle ließe sich für Installationen nutzen. Für Wilfried Kuehn ist der Bau mehr Theater als Tempel. Doch eine Bühne braucht Scheinwerfer. „30 Jahre“, seufzt der scheidende Generaldirektor Peter-Klaus Schuster „haben wir für eine nächtliche Beleuchtung gekämpft“. Die Aufforderung an seinen Nationalgalerie-Nachfolger Udo Kittelmann: Der Nächste macht’s Licht an. Simone Reber

MUSIKFEST

Herrliches

Rauschen

Das letzte Werk von Olivier Messiaen, „Éclairs sur l’Au-Delà ...“, spielt das Deutsche Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher in der Philharmonie: eine gewaltige Musik, in der es zwitschert und hart schlägt, in der die Geigen fasrige Flächen ausbreiten und die Bläser mit hohl wirkenden Chorälen antreten, ein Verschiebebahnhof aus anklingenden und wiederauftauchenden Teilen, kurz, ein beeindruckender, mitunter eklektischer Zusammenklang von Natur, christlicher Frömmigkeit und ostasiatischer Spiritualität. Das DSO spielt es beim Musikfest wie einen Gottesdienst nicht nur von, sondern auch als Huldigung für Messiaen; der dritte Satz tönt in seinem Klackern wie ein akustischer Regenwaldausschnitt, der fünfte wird zum Gesang von himmlischer Länge, der sechste ist martialischer Aufmarsch, im neunten schreien Flöten- und Klarinettenvögel durcheinander, und erst im letzten Satz, „Christus, Licht des Paradieses“, erlaubt man sich tatsächlich Schmelz und Süßigkeit. Zart, ja zärtlich war es anfangs zugegangen, bei Wagners Wesendonck-Liedern, von Angela Denoke mit zupackender Substanz in Tiefe und Mittellage und jäh lodernder Höhe gesungen: Gegen Messiaen sind Wagners Klangausflüge dezenter, subtiler, sphärisch allemal. Christiane Tewinkel

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