Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Ein Haus

aus Matratzen

Was ist Romantik, wenn nicht die Sehnsucht nach Vereinigung des Getrennten? So sehen Regisseurin Beate Baron und ihr Team von der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Schumanns Liederkreis op. 39 ein Drängen nach dem Einswerden mit dem Urzustand. Kunstlieder auf der Bühne scheinen Trend zu sein, auch Michael Thalheimer hat die „Winterreise“ inszeniert. Traut man der Kraft der Musik nicht mehr? Beate Baron kann an der Neuköllner Oper für Schumann im Liegen ihrer Einfallskraft vertrauen. Sie kombiniert Schumanns Liederkreis mit dem ironischen Spätromantiker Erik Satie (Klavier: Jenny Richter). Beide Teile sind verklammert durch eine zentrale Idee: dass Verschmelzung unmöglich ist. Zwei Sängerinnen (Sijia Lu mit fülligem und Sabine Hill mit schärferem Sopran), nur in Unterwäsche, spielen die Kräfte von Anziehung und Abstoßung durch, schlüpfen einander unter die Reifröcke, bauen ein Haus aus Matratzen, das in der Umarmung zusammenbricht. Ein Schlachtfeld der Gefühle. Später kraxeln sie durchs Zimmer, schweben wie Moleküle im Weltraum – und träumen doch nur, denn in Wahrheit liegen sie auf dem Boden, ihre Bewegungen werden von einer Kamera auf die Leinwand projiziert. Man spürt, wie nach intensiver Auseinandersetzung poetische Bilder gewonnen wurden. Ein schöner Erfolg für das Regieteam und die Nachwuchsarbeit der Neuköllner Oper. (25., 27., 28.9. sowie 4., 5., 10. und 22.10., 20 Uhr). Udo Badelt

SHOW

Bach

als Police-Hit

Der Orgasmus kommt gleich zu Beginn des Abends. Vokal und instrumental. Rebecca Carrington ist verrückt nach ihrem Cello und zeigt das eindeutig zweideutig. Im Programm „Me and my Cello“ begibt sie sich auf eine klangliche Weltreise und nimmt landestypische Sitten aufs Korn. Von schottischer Dudelsackmusik, imitiert durch schmerzliche Flageoletttöne, bis zu japanischem Samurai-Singsang gibt es in der Bar jeder Vernunft viel Lustiges und wenig wirklich Neues. Wie Hans Liberg lotet Carrington die Grenzen zwischen klassischer Musik und Pop aus und beweist zudem gesangliche und schauspielerische Fähigkeiten. Da wird die bewegende Bach-Suite zum bewegten Police-Hit und Dvoraks 9. Sinfonie bringt die Black Eyed Peas hervor.

Begleitet wird die Cellistin von Auftritten ihres Lebenspartners Collin Griffiths-Brown, der als farbiger Brite die Rolle des ergebenen Afrikaners spielt und sich so in den Klischee-Humor des Abends stellenweise witzig einfügt. Die Stärke von Rebecca Carrington ist ihr Sprachtalent. Sie parodiert sechs Sprachen, und ihr Gesang klingt auch schon mal nach Jazztrompete. Hohe Kunst am Cello gibt es dagegen nicht. Der Versuch, die Show mit ernsthafter Literatur des spanischen Cellisten Gaspar Cassadó anzureichern, wirkt mehr deplatziert als veredelnd. So fließend ist der Übergang von Pop zu Klassik doch nicht (bis 2. Oktober, dienstags bis samstags 20 Uhr, montags 19 Uhr). Daniel Wixforth

FILM

Ein Himmel

voller Geigen

Die Jubiläumsfeiern zum 100. Todestag von Paula Modersohn-Becker sind vorüber, da kommt nach all den Ausstellungen und Biografien als Nachzügler noch ein letzter Gratulant hinterher, diesmal ein Film. Eine Ausstellung operiert mit Bildern, während ein Buch mit Hilfe von Briefen und Tagebuchaufzeichnungen psychologische Einblicke vermitteln kann. Der Film muss zwischen diesen Polen navigieren und kann sich doch nur des gleichen Materials bedienen.

Vielleicht rührt es daher, dass Nathalie Davids Film Ein Atemzug ... Von der Antike zur Moderne wie der allerletzte Aufguss wirkt. Bis auf die Einführung einer Vorleserin (großartig: Hildegard Schmahl), die mal in die Rolle der Mutter, mal in die einer neutralen Erzählerin schlüpft, entbehrt der Film jeglicher neuen Perspektive. Alle berühmten Zitate – ob vom Vater, der die Kolbennasen und Löffelhände im Werk der Tochter kritisiert, oder aus Paulas frustrierter Küchennotiz – hat man zur Genüge gehört. Im kurzen, reichen Leben dieser Ausnahmekünstlerin müsste es doch noch etwas anderes geben als das Abspulen ihrer Stationen zu sinistren Geigenklängen.

Zum Ärgernis wird der Film – dem man alle elegischen Abendhimmel und malerisch schwankenden Bäume verzeihen mag –, wenn Bild und Text völlig auseinanderklaffen. Da wird aus dem Off ausführlich ein Bild beschrieben und ein anderes gezeigt. Auch wenn das Bremer Modersohn-Becker-Museum Auftraggeber des Films war, hat die Künstlerin doch anderes verdient als jenen mainstream, dem sie mit ihren Bildern gerade entflohen war (in den Berliner Kinos Babylon Mitte, Bali, fsk). Nicola Kuhn

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