Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Schweben

können

Die Erkenntnis kommt blitzartig beim Betreten der St.-Elisabeth-Kirche in Mitte: An diesem Ort ist Gott tatsächlich tot. Nur noch vage vermag die leere Halle an ein einstmals sakrales Zentrum zu erinnern. Eine willkommene Umgebung für Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, das mit Leere, Todesahnung und verblassten Erinnerungen so tief durchtränkt ist. In beißend grünem Licht beginnt die szenische Aufführung der Berliner Kammeroper, die sich der Fassung für Klavier und zwei Singstimmen annimmt (noch am 21., 23. und 25. September, jeweils 20 Uhr). Schwarz gekleidete Darsteller schreiten stumm durch den großen Raum, verschwinden zur Hintertür, um das Ganze vom Haupteingang neu zu beginnen. Ein trüb-stiller Kreislauf zwischen Werden und Vergehen des Menschen? Die dramaturgischen Intentionen bleiben undeutlich. Störend ist das kaum, denn die Musik beansprucht sofort volle Aufmerksamkeit. Pianist Philip Mayers erarbeitet die Tiefe der Mahler’schen Klangfarben mit atemberaubender Akribie und feinstem Gespür für die subtile Bedrückung, die dieser Musik permanent innewohnt. Dazu singt Regina Jakobi einen weichen und doch stellenweise so zerbrechlichen Mezzosopran, dass man von den aufgestellten Holztribünen aufspringen und die Sängerin aus der tristen Dunkelheit befreien möchte. Solch hohe Identifikation mit Mahlers Musik erreicht Tenor Matthias Aeberhard nicht. Technisch souverän arbeitet er sich durch die Untiefen (und Höhen) der Partitur, jedoch ohne dabei eins zu werden mit dem Werk, wie es seinen beiden Partnern so faszinierend gelingt. Daniel Wixforth

KUNST

Fliegen

lernen

Er paddelt, er strampelt, er stürzt in die Tiefe und steigt wieder auf. Der Flug des „Flying Shima“ scheint eine Parabel auf den Überlebenskampf des Menschen zu sein. Der japanische Künstler Shimabuku hat aus dem Abbild seiner selbst einen Drachen gebastelt und ihn an der Uferpromenade von Barcelona steigen lassen. Das Ergebnis ist als Video in der Ausstellung Sea, Sky, Language and so on in der daad-Galerie zu sehen (Zimmerstr. 90/91, bis 11. 10.).

Shimabuku war 2004 Gast des Künstlerprogramms. Noch immer hat der 39-Jährige eine Wohnung in Berlin. Aber, schränkt er ein, die meiste Zeit verbringe er im Flugzeug: „Flying Shima“. Die Ausstellung fasst die Arbeiten zusammen, die bei diesen Reisen vor Ort entstanden sind. Für seine Kunst transformiert Shimabuku Kulturtechniken, die dem Überleben dienen: kochen, fischen, schreiben. Die Kondensstreifen eines Flugzeuges am blauen Himmel sehen für ihn aus wie ein chinesisches Schriftzeichen. Nach der Tradition der Fischer in seiner Heimat hat er Tongefäße getöpfert, um darin Tintenfische zu fangen.

Schade, dass man diese sinnenfrohe Aktion nur auf dem Flachbildschirm beobachten kann. Sie benötigt den Himmel, die Salzluft und das Meer, um sich ganz zu entfalten. An der Leine zieht Shimabuku die irdenen Vasen, die er ins Wasser gelassen hatte, wieder ins Boot. Tatsächlich hat ein Oktopus den trügerischen Schutz der Höhle gesucht. Doch während der Künstler Freudenschreie ausstößt, schleicht sich die Beute langsam aus dem Topf. Ein Krake will schließlich auch überleben. Simone Reber

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