Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Stundenlang

am Telefon

Nein, wir versäumen ihn nicht! Dank sei dem Berlin Guitars, wo Eric Taylor aus Weimar (Weimar, Texas, nicht Weimar, Thüringen) bereits zum zweiten Mal gastiert. Ihn zu versäumen, sagte seine Musikerkollegin Nanci Griffith, hieße den William Faulkner unter den zeitgenössischen Songwritern zu verpassen. Kein schlechter Vergleich, haben Taylors Songs doch tatsächlich etwas Literarisches, in der Tradition der amerikanischen Shortstory. Geschichten über das Leben, über Menschen. Von schrägen Gestalten beim Karneval in South Central Texas. Von „Big Love“, dem schüchternsten Menschen der Welt, der der bizarren Leidenschaft frönt, wildfremde Menschen anzurufen und sich stundenlang mit ihnen am Telefon zu unterhalten. Oder die Geschichte vom Chauffeur, der alle Berühmtheiten Hollywoods gefahren hat: Marilyn Monroe und Joe DiMaggio, James Dean, Robert Mitchum, Charlie Chaplin, Richard Burton.

Taylor singt seine Storys mit einem schmirgelnden Bariton und pickt dazu sehr knallig seine schöne Akustikgitarre, schnalzt mit den Fingern Melodien, offene Mollakkorde und hypnotischen Rhythmus aus den Saiten. Stampft mit den schwer zerrittenen Cowboystiefeln. Kongenial ergänzt von Matthias Schneiders schwirrend sirrenden Bottleneck-Klängen auf einer alten Silvertone-Gitarre und einer Lapsteel. Auch zwischen den Songs nehmen Taylors berauschende Erzählungen immer mehr Fahrt auf, entfalten mit jedem weiteren Glas Rotwein eine eigene wilde Dynamik. Durch Pausen, Wiederholungen, Heben und Senken der Stimme. Geschichten über den tödlichen Kampf eines Indianerstammes gegen die US-Regierung, über Heroin in New York. Es sind Anekdoten über Freunde und Kollegen: Townes Van Zandt, Dave Van Ronk, Kate Wolf und Odetta. 13 Songs in zweieinhalb Stunden. Blues, Boogie, Balladen. Und immer besser werden die Storys zwischen den Liedern, intensiver, länger, und niemals langweilig. Eric Taylor ist einer der Besten. H. P. Daniels

OPER

Geistergesang

über den Wassern

Sie ist ein Rätsel. Wie ist sie auf das Boot von Joe gekommen? Ist sie ein Geist, eine Fee, eine Nixe oder eine Hexe? In der Kurzoper Dark Water von Ernst Krenek, mit der das Konzerthaus (wieder am 26. / 27.9.) den Werner-Otto-Saal bespielt, steht das Mädchen im Mittelpunkt. Olivia Stahn singt mit gleißend hellem Sopran, kraftvoll auch noch in den leisesten Partien, licht wie ihre ganze Erscheinung. Dem Schmuggler Joe (Nicholas Isherwood), seiner Frau Claire (Elisabeth Umierski) und seinem Sohn Phil (Christoph Schröter) erzählt sie jeweils, was diese hören wollen. Im Libretto gleitet das Boot über einen dunklen Fluss im Süden der USA, in der Regie von Misha Aster waten die Darsteller direkt im Wasser – oder sie sind das Wasser. Das suggeriert Franz Schuberts Vertonung von Goethes „Gesang der Geister über den Wassern“. Das Oktett wirkt aufgrund seiner Kürze wie ein Vorspiel und ist doch viel mehr, denn es führt das Wasser als zentrale Metapher für die Abgründe der menschlichen Seele ein. Kreneks Musik, vom modern art ensemble unter Titus Engel wie eine angeregte Konversation gespielt, gibt den schablonenhaften Figuren Tiefe. Sie klingt nach Zwanzigern, und obwohl sie tatsächlich 1950 entstand, hört sie sich in ihrer Tonalität nicht veraltet an. Die Darsteller mögen sich erkälten. Die Klänge jedoch lassen einen nicht kalt. Udo Badelt

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