Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

FILM

Bejammernswerte

Jugend

Jeder hat mal einen schlechten Tag. Besonders in der Pubertät. So will Drehbuchautor Noel Clarke sein Jugend-Drama Kidulthood vor allem als Spiegel der Realität verstanden wissen: „Hätten wir die Jugendlichen an einem Mittwoch gezeigt, wären sie vielleicht ins Kino gegangen. Wir haben nun einmal den Donnerstag erwischt, und es wurde ein besonders schlechter Tag.“ In der Tat verlaufen die wenigen Stunden, auf die sich die Handlung beschränkt, für die jungen Protagonisten alles andere als gut. Dennoch leitet die Einschätzung Clarkes, der im Film auch vor der Kamera zu sehen ist, fehl: „Kidulthood“ beschreibt nicht einen schlechten Tag; er beschreibt eine schlechte Welt. Schauplatz ist der Londoner Westen: Eine Schule, an der Drogen, Prügeleien und schneller Sex in der Pause auf der Tagesordnung stehen. Ein Abbild aus der Mitte der britischen Gesellschaft: Farbige Jugendliche drücken die Schulbank neben weißen, Akademiker- neben Arbeiterkindern. Die 15-jährige Katie, Opfer brutalen Mobbings ihrer Mitschüler, erhängt sich. Weniger schockiert über den Suizid als erfreut über den freien Tag, den die Schulleitung zum Trauern ausruft, streifen Trife, Jay und Moony durch die Stadt, kiffen, prügeln und prellen Taxifahrer um den Lohn. Auch Alisa und Becky treibt es um: Dringend brauchen sie Koks und neue Klamotten, schließlich steht am Abend eine Party an. Bezahlt wird beim Dealer mit dem Körper.

Die Schauspieler sind bis auf wenige Ausnahmen von der Straße gecastet. Auffällig gut agieren Alisa (Red Madrell) und Trife (Aml Ameen). Die harte Sprache und die Gleichgültigkeit der Jugendlichen erinnern an Filme wie „Kids“. Doch wird hier London zum Ort einer Handlung, die soziale Konflikte vor allem als Konflikte unterschiedlicher Hautfarben darstellt. Dennoch bietet „Kidulthood“ nicht allzu viel Neues, obwohl Regisseur Menhaj Huda von Folter bis zu Vergewaltigung nichts auslässt. Als Zuschauer stumpft man nach einer Weile ab. Stark wird der Film dort, wo er den Fokus weitet und eine gegenüber farbigen Kindern höchst intolerante britische Gesellschaft porträtiert – und dort, wo er den Focus auf seine Hauptpersonen verengt.Daniel Wixforth

KLASSIK

Betörendes

Traumpaar

Roberto Alagna ist wieder da. Mit heldisch gusseisernen Spitzentönen war er in einer konzertanten Aufführung von Mascagnis L’Amico Fritz an der Deutschen Oper zu hören. Vergessen schien hier die Unsicherheit und Mittelmäßigkeit, die Alagnas künstlerische Leistungen nach seinem Mailänder „Aida“-Debakel vor zwei Jahren wie Mehltau überzogen. Nein, abgesehen von einer etwas rau einschwingenden Mittellage hat der Tenor zu alter Form zurückgefunden: Nicht nur stimm-, sondern auch stilsicher ergänzte er in der Bismarckstraße die kühnen Harmonien von Mascagnis selten gespielter Komödie mit überzeugend empfundenen melodischen Bögen und der nötigen Italianità. Mit größerer Spannung allerdings war im Vorfeld der Auftritt von Angela Gheorghiu erwartet worden. Erst seit einem Jahr ist das einstige „Traumpaar der Oper“ Alagna-Gheorghiu wieder gemeinsam zu erleben.

Noch immer ist Gheorghiu mit ihrer klugen Phrasierung, überhaupt mit ihrer edel-aristokratischen Musikalität eine besondere Sängerin. Doch solche Qualitäten konnten an diesem Abend wohl nur eingefleischte Gheorghiu-Fans heraushören – aus einer ansonsten ohne Glanz und stimmliche Durchschlagskraft bleibenden Darbietung. Auch war Gheorghiu in der Partie der Suzel zu sehr auf die kompetente Führung von Alberto Veronesi angewiesen. Der lotste das Orchester der Deutschen Oper flexibel durch die wechselvollen Tempi der Partitur. Und ohne ein wirkliches Leuchten des Stars Gheorghiu machte sich das restliche Ensemble um so eher bemerkbar: Insbesondere Laura Polverelli als Beppe und George Petean als David boten hervorragende sängerische Leistungen. Matthias Nöther

ROCK

Begnadeter

Geschichtenerzähler

Die Bühne des Quasimodo füllt Jackie Leven lässig aus. Physisch wie akustisch. Mit Körpermasse und Geschichten, mit Intensität und wunderbarer Musik. Da reicht ein Stuhl nicht mehr aus, es muss schon eine kleine Bank sein, auf die sich der schottische Singer-Songwriter in weißem Flatterhemd und schwarzer Beulhose niederlässt und ein paar wilde fliegende Blätter auf einem Plastikgartenstuhl chaotisch ordnet. Levens Stimme, von Bariton bis Falsett, weht durch den Raum, zarte Melodien zu harten Geschichten, wie das Leben so ist: traurige Kindheit in Schottland, einige Ehefrauen, Reisen, Zugfahrten, von Bergen nach Oslo, und jede Menge deutscher Kleinstädte: „I’ve Been Everywhere“. Auch in einer Schwulenbar in Hamburg, mit eiskaltem Bier und der Frage, wie er hier hineingeraten ist.

Oder Amerika, mit dem Irrsinn der mörderischen „Lovers at the Gun Club“. So heißt auch Jackie Levens neues Album. Immer wieder etwas Neues, neue Sounds, ungewöhnliche Arrangements. Im Konzert klingt es sparsamer. Begleitet nur von Levens eigenwillig schön gezupfter, geschlagener und rhythmisch geklopfter Akustikgitarre sowie Michael Cosgrave mit Keyboards und Melodica. Eine Musik, die sich gängigen Katalogisierungen angenehm entzieht. Folk, Blues, Soul, Jazz, alles davon und nichts, und etwas Geheimnisvolles darüber hinaus. Mit literarischem Einschlag. Älter oder neu, Europa und Amerika, Rilke und Kenneth Patchen. Ein trauriges Lied des Amerikaners David Childers, ein Song über Johnny Cash und eine Geschichte über die Seife von Amy Winehouse. Jackie Leven kommt in der Welt herum, er kennt sie alle. Hat über alle und alles unzählige Lieder. Immer wieder neu. Immer wieder anders und immer wieder schön. H.P. Daniels

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