Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Lauschen

und staunen

Lieder als Träume, Lieder als Wunscherfüllung: Wenn Soile Isokoski das Schubertlied „Nacht und Träume“ singt, scheint die Welt im Mondlicht stillzustehen und die Nacht den erwachenden Tag zu besiegen: „Holde Träume, kehret wieder!“ Das Pianissimolied ist Krönung ihres Konzerts mit der gleichgestimmten Pianistin Marita Viitasalo. Der lange Atem, ebenmäßig, der Ausdruck zugleich schwebend und hymnisch: So kann Vollendung klingen, Wort für Wort erfühlt, wie sie im Musikbetrieb selten zu erleben ist.

Im Musikbetrieb allerdings wirken die beiden Künstlerinnen aus Finnland noch ein bisschen wie Fremdlinge. Die anmutig braven Kleider, die Ruhe, mit der die Noten auf dem Klavier wie die Musik im Raum ausgebreitet werden, vermitteln einen Rahmen von Intimität. Im Kammer musiksaal findet der Abend der Philharmonikerreihe „Liedkunst – Kunstlied“ ein an Zahl überschaubares, aber exzellentes Publikum, das bereit ist zu lauschen und zu staunen. Dass nicht nur Felix Mendelssohn, sondern auch Edvard Grieg das Gedicht „Leise zieht durch mein Gemüt“ vertont hat, bringt Heinrich Heine in die nordischen Botschaften des Programms. Darin darf Sibelius nicht fehlen. Volksliednahe Gedichte von Johan Ludvig Runeberg werden zu Tondichtungen, in denen das Klavier gern mit der Singstimme geht. Soile Isokoskis Sopran verbindet schönen Klang mit Flexibilität des Ansatzes, Reinheit mit Glut. Das Programm schließt Richard Strauss mit „Allerseelen“ und „Cäcilie“ wie die Auden-Vertonungen von Benjamin Britten ein: „As it is, plenty“. Da geht es einmal mitreißend schwungvoll zu.

Unvergleichlich aber ist der Eindruck der ausgewählten vier Schubertlieder, weil er jenen Sehnsuchtston der Nacht mit den Gesängen der Mignon und der „Jungen Nonne“ zu einem eigenen kleinen Zyklus vereint: Mädchenbilder, holde Träume. Sybill Mahlke

CHANSON

Das Beste

der Reste

Wie sie so dasteht – im Hochzeitskleid, als schwarze Federboa, dicke Clownshure, gepanzerter Don Quichotte – ist sie immer noch: Berlins Nachtschattendiseuse. Sehnsuchts-Zelebrantin, sterbender Schwan. Garstig-sentimentales Gesamtkunstwerk aus München, poetisch gestrandet unter Brücken der Spree. Cora Frost zeigt ihr „Best of“ aus den letzten 25 Jahren im vierten Stock des Admiralspalastes. An Foyerwänden: Poster nackiger Frauen. Am Saaleingang: Flaschen, ein abgetakeltes Piano, Hinterzimmermief. Auf der Bühne: zwischen Flügel, Paravent und Schlagzeug Gerümpel einer Künstlergarderobe, mit dem blauesten Sofa der Saison. Wir befinden uns, sagt man, im Backstage-Bereich eines viertklassigen Sexclubs. Doch diese szenische Konstruktion kann den porösen Abend nicht zusammenhalten.

„Best of Rest of Cora Frost“ (noch vom 2. bis 4. und vom 23. bis zum 25. Oktober, jeweils um 20.30 Uhr, Admiralspalast Studio) heißt das Retroprojekt. Fans bekommen ihre Cora-Hits, angefangen mit dem Liebeslied „Dicke Marie“. Gert Thumser, das Pianisten-Gebirge, Gary Schmalzl mit seiner Gitarre und Toni Nissl am Schlagzeug geben den Komikerhintergrund.

Mütterchen Frosts Porzellanstimme gellt oder zerspringt. Für Resteverwertung mag das viel sein, für eine Geschichte ist es zu wenig. Neues mag die Sängerin nicht erzählen. Halt während dieser ortlosen Performance geben Klassiker, wie Claire Waldoffs erotisch changierende „Hannelore“ und „An jenem Tag“, der Nostalgie-Ohrwurm von 1970. Da steht sie, singt sich die Seele aus dem Leib. Vielleicht fängt das Leben erst an. Thomas Lackmann

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