Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Wahl

THEATER

Der rote

Waschsalon

Macbeth ärgert sich über seinen Chef und schüttet seiner Gattin das Underdog-Herz aus: „Ich bin doch nicht schlechter als der!“ Darauf die Frau: „Nee, du bist besser. Du bist ’n Held!“ Nee, wir haben keine Seifenoper auf RTL geschaut, sondern waren bei der Shakespeare-Premiere „Macbeth“ in Heiner Müllers Bearbeitung in der Berliner Volksbühne (wieder am 27. 9. sowie 8. und 19. 10.) Die 35-jährige Regisseurin Yana Ross, die man laut Pressemitteilung hierzulande nur deshalb noch nicht kennt, weil sie ständig zwischen New York, internationalen Festivals und einem Lehrauftrag an der Yale University hin und her jettet, hat das blutrünstige Drama in ein mittelständisches Klamottenreinigungsunternehmen verlegt. Und ganz sicher ist es hyperironisch gemeint, dass die Angestellten abendfüllend zwischen Heiner-Müller-Text, Soap-Sound und Rummelplatz-Sächsisch switchen. Nur, die Inszenierung ist so außerordentlich schlicht, dass einfach jeglicher Boden fehlt, von dem sich so etwas wie Ironie überhaupt abstoßen könnte.

Die Schauspieler drücken sich vorzugsweise salzsäulenstarr vor, manchmal aber auch auf oder sogar in großen Waschmaschinen herum. „Der Mac“ (Uwe Schmieder) hat dabei immer Schaum vorm Mund und seine Frau (Naomi Krauss) jedes Mal ein anderes Kleid an, was man allerdings leicht übersehen kann, weil sie in jedem auf die gleiche hochnotpeinliche Art mit dem Hintern wackelt. Was sonst noch so passiert, sieht derart nach einem minder begabten Castorf-Epigonen aus, dass die Inszenierung einen Ehrenplatz in der theatermusealen Raritätensammlung verdient hätte. Foyergerüchten zufolge soll der Intendant das Desaster nach der Generalprobe notübernommen und um die Hälfte gekürzt haben. Leider immer noch nicht kurz genug. Christine Wahl

POP

Die Hunde

der Liebe

Wer auch immer für die Verteilung von Karriereglück bei Britpopbands zuständig ist: Sehr fair ist er nicht. Anders kann man kaum erklären, dass Gruppen wie Maximo Park oder Kaiser Chiefs mittlere Hallen füllen, während die Futureheads mit vielleicht 100 Gästen im Knaack vorlieb nehmen müssen. Dabei gehört das Quartett aus Sunderland zu den Spitzenkräften seines Fachs. Barry Hyde ist ein äußerlich beherrschter Frontmann, in dem vulkanische Energien brodeln. Er schwitzt binnen Minuten sein T-Shirt durch und häckselt unermüdlich Akkorde unter scharf konturierte Melodiebögen, die er mit atemloser Präzision ins Mikro bellt, dabei häufig verschachtelte Wechselgesänge mit Gitarrenpartner Ross Millard und Bassmann David Craig anstimmend. Hydes jüngerer Bruder Dave spielt, scheinbar nur aus den Handgelenken, ein furios polterndes Schlagzeug. Vielleicht sind die Futureheads zu anspruchsvoll ihren Hörern gegenüber. Man sollte keine Sekunde verpassen bei diesen komplexen Zweiminuteneruptionen, die auch im schillerndsten Refrain nicht länger als unbedingt nötig verharren. Aber selbst unter dem Diktat einer an den Post-Punk-Helden Wire geschulten Songökonomie entwickeln Stücke wie „Robot“ oder „Man Ray“ einen hypnotischen Sog. Nah dran am Erfolg waren die Futureheads mit ihrer Adaption von Kate Bushs „Hounds of Love“: mehrstimmiges Geheul, dazu bohrende Gitarren, ordentlich Gerumpel und Schluss. Besser kann man eine Coverversion nicht hinkriegen. Jörg Wunder

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