Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Farbtosende

Landschaften

„Lob des Realismus“ heißt die Ausstellung zum 75. Geburtstag des ostdeutschen Malers und Grafikers Ronald Paris, die derzeit im Haus der BrandenburgischPreußischen Geschichte in Potsdam zu sehen ist (Kutschstall, Am Neuen Markt 9, bis 26.10., Katalog 29,90 €). Sie könnte genauso gut „Fluch des Realismus“ heißen. So unfreiwillig wie exemplarisch zeigt das Lebenswerk des 1933 im thüringischen Sondershausen geborenen Künstlers alle Eigenarten einer Kunst, die sich an den Grenzen und Stolpersteinen eines allzu engen Landes abgearbeitet hat.

Dabei gab sich der Meisterschüler Otto Nagels an der Ost-Berliner Akademie nie für plumpe Parteipropaganda her. Im Gegenteil: In farbtosenden Ostsee- und Russland-Landschaften dominieren poetische Chagall- und mediterrane Cezanne-Reminiszenzen; das Triptychon „Dorffestspiele in Wartenberg“ propagierte schon 1961 die düstere Weltsicht Max Beckmanns, nicht sozialistische Schönfärberei. Und doch gehörte Paris zu den offiziell Auserwählten, die Mitte der siebziger Jahre das Foyer im Palast der Republik mit einem Monumentalbild schmücken durften. „Unser die Welt – trotz alledem“ heißt das inzwischen im Depot gelandete Werk. Heute malt Paris keine Gesellschaftsutopien mehr, sondern Theaterszenen und Altartafeln. So viel Realismus war nie. Michael Zajonz

POP

Vehementer

Sirenengesang

Du liebes Bisschen, wann hat man das letzte Mal in einem angesagten Popkonzert so ein uncooles Gezappel gesehen? Wenn Lykke Li mal nicht dran ist mit Singen, hüpft sie mit ausholenden Arm- und Beinbewegungen enthemmt herum, was nach einer Mischung aus Pogo und dem Sechziger-Modetanz Watusi aussieht. Vielleicht ist es gerade dieser Mut zur Peinlichkeit, der Wille zur Grenzüberschreitung, der der 22-jährigen Schwedin ihr Alleinstellungsmerkmal im Marktsegment für Nachwuchs-Songwriterinnen sichert. Jedenfalls ist der Auftritt im Roten Salon seit Wochen ausverkauft. Mit der zunächst eher verhaltenen Reaktion des Publikums ist Lykke nicht einverstanden und rabaukt sich zum düsteren Electrogroove von „Complaint Department“ durch die vorderen Reihen. Spätestens mit ihren Sommerohrwürmern wie „Little Bit“, „Tonight“ oder „Breaking It Up“ hat sie die Leute am Schlafittchen: Diese luftig-seltsamen, von Dancefloor-Glamour zu Hippie-Folk und zurück mäandernden Songs füllen genau die Lücke aus, die zwischen Feist, Kate Nash und Roísín Murphy noch frei war. Live klingen sie noch unkonventioneller, was neben Lykkes vehementem Sirenengesang am erfrischenden Gerumpel ihrer drei jungen Begleiter liegt, die auch als Violent-Femmes-Gedächtniskapelle arbeiten könnten. Dass Lykke Lis Repertoire für das gut einstündige Konzert noch durch Coverversionen gestreckt werden muss, fällt nicht negativ auf. Im Gegenteil: Vampire Weekends Afrobeat-Pop funktioniert auch in der abgemagerten Folkvariante, und A Tribe Called Quests Hip-Hop-Klassiker entpuppt sich als idealer Arme-in-die-Luft-Floorfiller: „Can I kick it“ – „Yes, you can!“ Und wildes Rumzappeln sieht gar nicht mehr peinlich aus. Jörg Wunder

KLASSIK

Scharfe

Dissonanzen

Maestro Barenboim ist persönlich in den Kammermusiksaal der Philharmonie gekommen, um den jungen Kollegen zu begutachten. Dieser ist erst 21, heißt Yeol Gamzou und dirigiert zum ersten Mal seine eigene Fassung des Adagios aus Gustav Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie. Konzentriert führt sein Taktstock das selbst gegründete International Mahler Orchestra durch einen Beginn voll von klagender Schwermut. Gamzous Fassung blickt – wie die Skizzen Mahlers – musikgeschichtlich weit voraus.

In scharfen Dissonanzen folgen die Posaunen auf das Hauptthema – fast so, als würde sich ein Bruckner’scher Choral ins Atonale vortasten. Dabei entsteht aus Mahlers Fragmenten ein durchweg authentisches Ganzes, das es mit den schon existierenden Fassungen dieses Werkes aufnehmen kann. Bei Bruchs Violinenkonzert ist dann eine spannende Rollenverteilung zu beobachten: Guy Braunstein spielt dieses Konzert nicht nur atemberaubend lebendig, sondern strahlt auch so viel Routine aus, dass Gamzous Dirigat vertrauensvoll den Gebärden des Solisten nachkommt – nicht umgekehrt. Zuletzt darf auch das Orchester in Mendelssohns „Schottischer Sinfonie“ aufblühen. Obwohl man sich im ersten Satz wünscht, dass der Dirigent den seelenvollen Themen mehr Zeit gibt zum Atmen, treffen die Musiker Mendelssohns melancholischen Ton sehr genau. Einem fabelhaft gespielten Oboensolo (Tjadina Würdinger) im zweiten Satz folgen bis zum Anschlag gesteigerte Tutti im Finale. Dass Gamzous jugendliche Energie dabei über ein paar Details der Partitur hinwegfegt, verzeiht man gerne. Die Zeit, konventionell zu werden, kommt früh genug. Daniel Wixforth

POP

Unterhaltsame

Geschichtsstunden

Wizz Jones lacht. So habe man ihn noch nie angekündigt: „Wizz Jones, der Mann, der schon Musik gemacht hat, bevor die Beatles kamen!“ Tatsächlich hatte sich der Engländer schon in den fünfziger Jahren inspirieren lassen von Big Bill Broonzy und Ramblin’ Jack Elliott und reiste zu einer Zeit, als es noch keinen Bob Dylan gab, als Beatnik-Troubadour mit seiner Gitarre durch die Lande. Er spielte in den Coffee Bars des Londoner Stadtteils Soho, wo ihm ein junger Eric Clapton bewundernd zuhörte. Inzwischen ist er 69 Jahre alt, die Haare sind immer noch voluminös lang, aber weiß geworden und die Musik besser denn je. Im intimen Rahmen von Berlin Guitars erst mal ein kleines Broonzy-Stück. Langes Instrumental-Intro auf der alten Epiphone „Texan“ Gitarre, flüssiges Fingerpicking mit rhythmisch knallenden Saiten und singendem Fingervibrato. Dazu die Stimme eines Lebenserfahrenen. „I got your picture I put in a frame.“

Wir sind im Bild, der Rahmen ist der Blues, vermischt mit Jazz und Folk, Boogie und Ragtime; dieser damals aufregend neuen Musikrichtung, der so herausragende Gitarristen wie Bert Jansch und John Renbourn folgten. Wizz Jones war nach Davy Graham einer der Ersten in England, der diese individuelle Spielart des Blues entwickelt hat und an die Clapton immer wieder erinnert in den Unplugged-Passagen seiner Konzerte. „Nobody knows you when you’re down and out“, singt Wizz, und es wird offenbar, wessen Gitarrentechnik Eric Clapton zu seiner Version des Songs inspiriert hat. Neben bewegenden, autobiografisch geprägten Eigenkompositionen zollt Wizz mit seiner berauschend swingenden Gitarrentechnik in den unterschiedlichsten Open Tunings all seinen eigenen Idolen leidenschaftlichen Tribut: Howlin’ Wolf, Mississippi John Hurt, John Lee Hooker. Sowie Davy Graham, Woody Guthrie und Bob Dylan. Zwei höchst unterhaltsame Geschichtsstunden zu den faszinierendsten Spielweisen der akustischen Gitarre. H.P. Daniels

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