Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Wo Lärm war,

soll Stille walten

Trotz wolkenkratzerstarrender Metropolen sind die USA ein eher leeres Land mit entlegenen Gegenden, in denen Zivilisationsflüchter ein Refugium finden. So verkroch sich der Indie-Musiker Justin Vernon zur Kurierung seines Weltschmerzes in einer Jagdhütte in den Wäldern Wisconsins. Und kehrte mit einer der schönsten Platten der letzten Jahre zurück. Im Postbahnhof herrscht andächtige Stille, als Bon Iver, bestehend aus Vernon und drei Begleitern, die Ergebnisse der Klausur aufführen. Über filigranen Klangarchitekturen schwebt Vernons Kopfstimme. Manchmal schwillt sie zu einem durchdringenden Geheul an, dann wieder wird sie in ergreifende Satzgesänge gebettet, die an uralte Kirchenchoräle erinnern. Zwischen dem Folkgerippe „Flume“ und dem von zwei Drummern angefachten Lärmschneesturm „Creature Fear“ finden Bon Iver zu bezaubernden Schwebezuständen. Man fragt sich, woher einem dieses beiläufige Werden und Vergehen der Songs, diese subtile Verschränkung von zartestem Getupfe und gelegentlichem Aufbrausen bekannt vorkommt. Bon Iver geben selbst die Antwort und covern originalgetreu „I believe in you“ aus dem meisterhaften Spätwerk von Talk Talk. Nach 75 Minuten in einer Parallelwelt ohne Zeitgefühl torkelt man in die nächtliche Unwirtlichkeit hinaus. Jörg Wunder

ROCK

Für Drummer gilt

die Prügelstrafe

Kurzfristig ist das Konzert verlegt worden, und was im geräumigen „Huxleys“ wie ein Häuflein verlorener Fans gewirkt hätte, wird im Columbiaclub zur eindrucksvollen Masse. Eng und drängelig, dass man sich kaum rühren kann, brütend heiß. Wie Schattenrisse wirken die New Yorker Nada Surf im blendenden Gegenlicht. „Hi Speed Soul“. Matthew Caws hämmert schnelle monotone Akkorde in die Les Paul. Ira Elliot treibt ihn mit heftig geprügeltem Schlagzeug vor sich her, während Daniel Lorca, der noch eine Fußverletzung auszukurieren hat, seinen Bass sitzend spielt, Kippe im Mund, hochgesteckte Dreadlocks. Die Gitarre schraddelt punkig zu Caws Gesangsmelodien, zwischendrin leuchten ruhige melancholische Passagen auf, und die Fans singen hübsch mit. Nach einem halben Dutzend Songs beginnt das Programm zu hängen. Ist die Luft raus? Nein, kommt wieder. „Fruit Fly“ surrt verhalten, zunächst nur Caws mit Gitarre und Stimme. Aber dann, rumms!, kommen die Drums, auf den Trommelstöcken blinkern bunte Lichtspitzen, und die Harmonien bekommen sogar etwas Everly-haftes. „I’m gonna have a party“, singt Caws am Ende. Nach anderthalb Stunden sind alle Hemden durchgeschwitzt. H. P. Daniels

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