Kultur : KURZ & KRITISCH

Armin Leidinger

THEATER

Hitchcock

im Moor

Zugegeben: Hitchcocks Film „Die 39 Stufen“ ist selbst fast eine Boulevardkomödie. Eine schöne Frau und ein gut gekleideter Mann sind mit Handschellen aneinander gefesselt. Sie glaubt, er sei ein Frauenmörder. Er versucht ihr klar zu machen, dass er das Vaterland retten muss. Und beide müssen vor feindlichen Agenten durch eine Moorlandschaft fliehen. Na, besser geht’s doch nicht, dachte man sich wohl im Theater am Kurfürstendamm und setzte Die 39 Stufen auf den Spielplan (wieder heute, morgen und am 4. 10. 20 Uhr, am 5. 10. 18 Uhr sowie am 11. 11. 20 Uhr). Die Vorlage für eine Kriminalkomödie war bestens gewählt. Doch leider ist das schon das größte Kompliment, das man machen kann.

Offensichtlich hielten Ingolf Lück und sein Co-Regisseur Hans Kieseier den Stoff für einen solchen Selbstläufer, das eigene dramaturgische Ideen nur gestört hätten. Man nehme ein aus dem Fernsehen bekanntes Gesicht (Lück) und eine hübsche Schauspielerin (Nicola Ransom). Dazu wird etwas in Zeitlupe gestorben, es gibt witzige Dialekte, und das Bühnenbild wechselt ständig. Ansonsten übernimmt man einfach die Handlung und teilweise sogar Wortwahl, die Hitchcocks Film vorgibt. Wer allerdings so eng dem Original folgt wie Lück und Kieseier, riskiert, dass man sich nach einer gewissen Zeit nach einem DVD-Player sehnt. Denn natürlich ist Hitchcocks Film charmanter und eleganter als eine abgekupferte Bühnenversion. Wer also wissen möchte, wer oder was die „39 Stufen“ wirklich sind, sollte sich an eine gute Leihvideothek wenden. Armin Leidinger

FLAMENCO

Essig

und Öl

Zum Schluss gibt’s dann doch noch die reine Lehre. Aus dem Publikum kommt der Flamenco-Tänzer Angel Rojas spontan auf die Bühne und improvisiert zu Jammergesang und Akustikgitarre ein Tänzchen. Galant umkreist er Antonio Carmona, den eigentlichen Star des Abends, der sich gerne bezirzen lässt und besonders darüber freut, dass nun auch in den hinteren Reihen Arme und Hände gestreckt werden und man mit festem Schritt auftritt. Olé! Antonio Carmona ist in Spanien eine große Nummer. Der Andalusier hat mit seiner Ex-Band Ketama den Flamenco verpopt und damit massenkompatibel gemacht. Nebenbei hat er den kubanischen Cajón für seine Musik entdeckt. In den besten Momenten des Abends, der im Rahmen des Made in Madrid-Kulturfestivals stattfindet, schnappt sich Carmona eine dieser Kistentrommeln und kloppt auf sie ein, dass einem schon vom Hingucken die Hände schmerzen. In den schlechteren allerdings klingen Carmona und seine achtköpfige Band ölig wie Eros Ramazotti. Dem mehrheitlich aus Spanierinnen bestehenden Publikum im gut gefüllten Kesselhaus der Kulturbrauerei ist’s gleich. Es singt Carmonas Schmachtfetzen ebenso mit wie die kantigeren Flamenco-Stücke.

Man könnte den 43-Jährigen mit seinen langen dunklen Haaren und der großen geschwungenen Nase nun leicht für die Apotheose des Latin Lovers halten. Doch der geborene Granadaer hat ein schüchternes, gewinnendes Lachen und ein großes Herz. Er wohne jetzt an der Küste, sagt er, und sehe, wie die Flüchtlinge aus Afrika verzweifelt versuchten übers Meer zu gelangen. Ihnen widmet er die Schnulze „Damit Du nicht weinst“. In Spanien ist’s ein Hit. In Deutschland gibt es Herbert Grönemeyer. Philipp Lichterbeck

KLASSIK

Der Gang

zum Gong

Persönlichkeiten statt schillernder Sternchen – dafür steht seit Jahrzehnten der ARD-Musikwettbewerb der schon vielen ganz Großen ein Sprungbrett war. Auf dem Festival der ARD-Preisträger präsentieren sich derzeit im Konzerthaus einige der letztjährigen Gewinner – und tatsächlich: Eigener könnten sie kaum sein. Hier der beherrschte Oboist Ivan Podyomov, der die poetische Idee von Schumanns Drei Romanzen op. 94 in den Zwischentönen sucht. Dort das Morgenstern-Trio, das nicht zwingend der musikalischen Vielfalt des Klaviertrios op. 87 von Brahms gerecht wird, sondern die Zuhörer lustvoll beeindrucken will. 2007 gab es dafür den Publikumspreis. So viel Persönlichkeit ist zweifellos ein Erlebnis.

Den ganz großen Bogen zwischen Spektakel und Poesie findet allerdings nur der 1981 geborene Schlagzeuger Johannes Fischer. Nie gibt er die musikalische Spannung auf in Peter Jan Wagemans’ „Ewig“, bei schnellen Unisoni mit dem Klavier (Catherine Klipfel) ebenso wenig wie in Momenten der Stille, wenn er ohne Hast von Gong zu Pauke wandert und nur sein Blinzeln volle Konzentration verrät. Ein kurzer Flirt mit dem Publikum, dann zeigt Fischer mit Larry Bakers „rain music“ am Vibraphon solistische Virtuosität. Ohne jemals Präzision oder Puls zu verlieren schwellen dichte Figuren im Stil der Minimal Music unter vier Schlegeln an und wieder ab. Die Zuhörer im kleinen Saal werden von etwas ergriffen, das sich zunächst in ungläubigen Staunen und Kopfschütteln und später in Trampeln und Bravorufen entlädt. Paul Bräuer

FOLK

Schön

vergänglich

Eine bessere Empfehlung war kaum denkbar: Beim Konzert von Bon Iver vor zwei Tagen trug deren Schlagzeuger ein T-Shirt der Bowerbirds. Also nichts wie hin ins Café Zapata, um auch diese schrägen Vögel aus dem Wanderzirkus junger, seltsamer Ami-Bands in Augenschein zu nehmen. Das Trio aus North Carolina kultiviert Folk-Minimalismus, mit akustischem Instrumentarium ziseliert es feinste Songgebilde, denen bei aller Zerbrechlichkeit eine erstaunliche Energie innewohnt. So klopft Mark Paulson einfachste Rhythmen auf einer Basstrommel, während Beth Tacular ihrem Akkordeon irrlichternde Töne entlockt. Dazu kommt nur noch Phil Moores spartanisches Gezupfe auf der Akustikgitarre und das müde Zischeln einer Hi-Hat, die er per Fußpedal bedient.

Zum Ereignis wird die Musik durch den Gesang. Phil Moore pflegt eine melancholische Modulation, die an Caetano Veloso erinnert. Natürlich in völliger Unschuld: Moore hat noch nie von dem großen Bossa-Nova-Sänger gehört, wie er beteuert. Wie viele ihrer Kollegen setzen die Bowerbirds auf mehrstimmige Gesangssätze, die von euphorisch aufwallendem Jubilieren bis zu grabestraurigen Chorälen ein weites Spektrum Klang gewordener Gemütszustände abstecken. Als sie nach 40 Minuten abtreten, gibt es lange Gesichter, weil einige Zuschauer aufgrund irreführender Ankündigungen erst kurz vor Ende eingetrudelt sind. Die Bowerbirds lassen sich erweichen und spielen nochmal das herzzerreißende „In our Talons“. So viel Schönheit und doch so schnell vorbei. Jörg Wunder

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