Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

OPERETTE

In die Maske

geschlüpft

Mit Johann Strauß’ Wiener Blut zeigt Regisseurin Cordula Däuper im HAU 1 wieder einmal, was es heißt, einer Operette die gutbürgerlichen Kleider zu entreißen. Umso delikater, kommen dabei doch diesmal nur Frauen zum Vorschein. Die illustre Gesellschaft um die Gräfin (Verena Unbehaun) und ihren untreuen Gatten (Mariel Jana Supka) ist bei Däuper eine reine Weiberclique, anfangs zur Hälfte ausstaffiert mit falschen Bärten und Perücken. Hier geht es nicht um einen als menschliche Schwäche belächelten Geschlechterkampf, sondern um die Abgründe eines von Männern dominierten Machtgefüges. Alles ist zunächst bewusst betontes Spiel mit ironisch verzerrten Männlichkeitsposen (besonders Sandra Maria Schöner als Minister) und Highspeed-Monologen à la Pollesch (Katharina Haindl als Josef). Die Verletzlichkeit liegt dabei am Ende hinter diesem perfiden Maskenspiel: Bis auf die Unterwäsche entblößte Frauen mit verschmierter Schminke und zerzausten Haaren. Tobias Schwencke hat zu diesem launigen Operetten-Striptease die Musik arrangiert. Auf kleines Ensemble reduziert, die Gesangsnummern von den Schauspielerinnen im rotzigen Dilettantismus dahin geworfen, lässt er Strauß fast wie Weill klingen (wieder heute und morgen, 19.30 Uhr). Doch schlussendlich wirkt dieser liebevolle Trash von heute nicht viel anders als die Seligkeit von gestern: Richtig weh getan hat dieser Abend nämlich niemandem. Dorte Eilers

KLASSIK

In die Ohren

geschmeichelt

Als Kontrastprogramm zum regnerischen Herbst gestaltet Marie-Pierre Langlamet, Harfenistin der Philharmoniker, ihren Kammermusikabend in der Philharmonie: Viel Leichtfüßiges, Duftiges, oft Mediterranes lässt sie gemeinsam mit Jean-Claude Velin (Viola), Matias de Oliveira Pinto (Violoncello) und der Flötistin Jelka Weber hören. Darunter auch einige von der Stiftung Berliner Philharmoniker bestellte Auftragswerke, die dem zuzuordnen sind, was man gemeinhin mit dem trostspendenden Begriff „Gemäßigte Moderne“ bezeichnet. So bietet der Abend Gelegenheit zu hören, was denn Komponisten, die sich nicht der Avantgarde verpflichtet fühlen, mitzuteilen haben. Die „Éloge de l’ombre“ des jungen Franzosen Karol Beffa beispielsweise zeigt sich bei aller Konventionalität als melancholische, bittersüße Liebeserklärung an die Harfe, Frau Langlamet lässt ihr Instrument mal topfig, mal seidig oder metallisch klingen, färbt die anrührenden Akkorde in jeder erdenklichen Weise. Auch Beffas Trio, eine der Uraufführungen des Abends, zeigt viel Subtilität in der Instrumentenbehandlung, dazu feine Melodiegeflechte von Flöte und Viola. Der Amerikaner Nathan Currier kann hingegen mit „Possum wakes from Playing Dead“ nicht überzeugen. Das Stück ist allzu geschäftig in seinen zahlreichen Spielfiguren, das Verhalten eines Beuteltiers wohl letztlich nicht sehr inspirierend für den Komponisten. Alles in allem ein schöner, leider mäßig besuchter Abend mit viel delikater Musik, die mit weniger versierten Musikern schnell trivial geraten wäre. Ulrich Pollmann

MUSIKKABARETT

In den Schlaf

gesungen

Was kann man mit einem Cello und einem Piano schon Großes anstellen? Die Möglichkeiten müssen doch begrenzt sein. Paul Staïcu und Laurent Cirade belehren im Tipi eines Besseren. Nur selten sind die beiden im Gleichklang. Meistens streiten sie sich, welches Stück gerade gespielt werden soll. Seit Jahren reisen der gebürtige Rumäne Staïcu und der Franzose Cirade mit ihrem Musikkabarett Duel durch die Lande. Bei ihrem Berliner Gastspiel zeigen sie, was man alles mit einem Cello veranstalten kann (bis 15. Oktober, Di–Sa 20, So 19 Uhr). Zum Beispiel eine Lagerfeuerromantik andeuten, bei der das Instrument zum Grillspieß wird. In der ersten Hälfte des Programms streiten sich der kleine Lockenkopf Staïcu und der Bär von einem Mann Cirade noch, wer zu Lionel Richies Schmusehit „Say You Say Me“ mit dem Cello auf Tuchfühlung gehen darf. In der zweiten Hälfte trägt Cirade eine Violine auf die Bühne, die in eine Windel gepackt ist und in den Schlaf gesungen werden will. Erstaunlich auch, mit welchen Handicaps man noch Klavier spielen kann. In Handschellen, auf dem Boden liegend oder in einem Rollstuhl mit Infusionsständer. Natürlich kann man mit einem Musikprogramm, das ohne Worte auskommt und ganz auf Slapstick angewiesen ist, nicht durchgehend Hochspannung erzeugen. Unterm Strich aber ist Cirades und Staïcus Einfallsreichtum beeindruckend. Am Ende spielen sie vierhändig Cello: Lou Reeds „Walk on the Wild Side“. Armin Leidinger

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