Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Wixforth

KLASSIK

Auf der

Autobahn

Arien- und Liederabende haben oft etwas Ungeduldiges an sich: Man hetzt von Jahrhundert zu Jahrhundert, von Affekt zu Affekt, vom Italienischen ins Französische. Auch das erste Konzert der Classic Young Stars International Berlin kann sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Im Kleinen Saal des Konzerthauses stehen fünfzehn Vokalstücke auf dem Programm, gepresst in zwei Stunden. Da bleibt die Individualität mancher Werke auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke. Das aber ist es auch schon mit der Kritik. Was die junge mexikanische Sopranistin María Katzarava und ihr Landsmann Diego Silva gesanglich bieten, besticht durch ihre tief empfundene Freude. Katzaravas Sopran entwickelt einen kristallklaren Ton und meistert die Herausforderungen von Bellinis und Donizettis virtuosen Koloraturen bravourös. In „Pourquoi me réveiller“ aus Massenets „Werther“ hat Tenor Silva seine Vorzeige-Arie gefunden. Die tiefen Passagen fiebern. Getoppt werden sie nur durch Gounods Duett „Va, je t’ai pardonné“ aus „Romeo und Julia“. Hier möchte man die ganze Geschichte erleben. Dafür ist an einem so vollgepackten Abend keine Zeit. Daniel Wixforth

KLASSIK

Im

Dschungel

Eine kuriose Zusammenstellung wagt das Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek: exotische Musik aus dem Frankreich des 19. und 20. Jahrhunderts, von Indien inspiriert, ein kleinteiliges, formal sehr freies Programm: Stücke von Albert Roussel oder Charles Koechlin, der von 1925 bis 1927 eine Sinfonische Dichtung auf das „Dschungelbuch“ schrieb, die ob ihres wunderlichen Umgangs mit immer neuen Steigerungen im letzten Satz recht lang zu werden droht. Dazu die „Oiseaux exotiques“, ein Gespräch aus Dutzenden von Vogelstimmen zwischen Klavier und Orchester von Olivier Messiaen, bei dem der gelassen wie ein Barpianist, aber präzise spielende Jean-Philippe Collard auftritt und in dem Zagrosek vor allem dem Miteinander von Piccolo, Flöte, Oboe, Xylophon und Glockenspiel überscharfe Töne zu entlocken weiß. Danach, ganz anders, führt er das Ensemble in Klangwelten, die weicher als weich erscheinen: Inmitten des Abends erklingen Rezitative und Arien aus Léo Delibes’ „Lakmé“ und Georges Bizets „Perlenfischern“, die der mexikanische Tenor Hector Sandoval mit Herzblut und hellem, schnell vibrierendem Ton gibt. Gerade der Bizet mit seinen sanft abgedämpften Geigen und den gemächlich dahintreibenden Sequenzen in den Celli lässt den ganzen großen, nur mäßig besuchten Saal im Konzerthaus ins Träumen geraten. Christiane Tewinkel

POP

Am

Abgrund

Seit zwei Dekaden halten sie ihren starren Blick in den Abgrund gerichtet: The Tiger Lillies aus London haben sich der Betrachtung des Lebens aus der Gosse verschrieben. Das Trio verpackt seine Meldungen aus dem Niemandsland zwischen Bordell, Drogenstrich, Gruselkabinett und Friedhof in rumpelnde Polkas oder lunatische Balladen. Fixpunkt der Tiger Lillies ist die „freak show“, bei der die beste immer die heilloseste ist. Bei ihrem düsteren Zwischenspiel in der Bar jeder Vernunft präsentieren die Troubadoure abseitiger Passionen „Old Stories, New Songs“.

Dabei kann sich das Trio, inzwischen weltweit in Theatern und Opernhäusern gefeiert, streckenweise nicht aus der Mechanik der eigenen Geisterbahn befreien. Musikalische Schockeffekte erweisen sich schnell als ebenso fadenscheinig wie das ausgespiene Vokabular. Wohin fliehen vor den Strömen von Tränen, Blut und Eiter, vor Gebrechen ohne Zahl und Gelüsten ohne Hoffnung auf Erfüllung? Sänger Martyn Jacques taumelt zwischen dem Falsett des gefallenen Engels und dem heiseren Bariton eines Tom Waits. Der Abgrund droht seine Schmuddelkinder zu verschlingen. Doch dann legen die Lillies traumverloren ab und treiben auf einem Meer skurriler Schönheit unseren sterblichen Leidenschaften entgegen (noch einmal heute 19 Uhr). Ulrich Amling

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