Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Am Ende

ein Schrei

Im Mai 2006 starb Grant McLennan im Alter von 48 Jahren. Und auch wenn sein Name beim Konzert von Robert Forster in der Passionskirche gar nicht fällt, ist er allgegenwärtig: Am Merchandising- Stand gibt es nicht nur das CD-Gesamtwerk der Go-Betweens, der gemeinsamen Band, sondern auch T-Shirts mit dem Namen des Verstorbenen. Die ersten vier Stücke, alles Go-Betweens- Songs, spielt Forster solo und wirkt dabei ziemlich verloren. Sein Gesang windet sich ungelenk um das magere Gitarrengezupfe, während er mit hüftsteifen Bewegungen und eingefrorenen Gesichtszügen unfreiwillig an Monty Pythons John Cleese erinnert. Man spürt die Abwesenheit seines kongenialen Gegenübers. Doch mit jedem Mitglied seiner Band, das der 51-jährige Australier auf die Bühne bittet, lockert er sich ein wenig. Mit Bassistin Adele Pickvance schrummelt er sich linkisch durch „If it rains“, Glenn Thompsons ornamentale Gitarrenfiguren verleihen der Patti-Smith-Hommage „When she sang about Angels“ filigrane Texturen. Und als Matthew Harrison zu „Demon Days“, dem letzten mit McLennan verfassten Song, sanft auf seinem Schlagzeug herumwischt, ist die Band komplett.

Die latente Instabilität des Klanggefüges könnte man für technische Unsicherheit halten, aber gerade dies stellt den typischen Go-Betweens-Sound der Achtziger nach, ohne ihn plump zu imitieren. Und Robert Forster ist kaum noch zu bremsen: erzählt Anekdoten, lässt sich zu drei Zugaben bitten und schockiert nach kurzweiligen zweieinhalb Stunden im abschließenden „Caroline and I“ mit einem veritablen Rock’n’Roll-Schrei. So wird das verkappte Requiem zum Befreiungsakt. Jörg Wunder

KUNST

Gedanken

aus Marmor

Edward Kienholz wird im November 2009 den Schlusspunkt setzen. Der Showroom El Sourdog Hex des Sammlers Reinhard Onnasch ist dezidiert als Museum auf Zeit angelegt. 300 Quadratmeter, die in der elften Ausstellung leergeräumt sind wie nie zuvor. Der US-Amerikaner Lawrence Weiner, Jahrgang 1942, hat hier lediglich zwei Wände beschriften lassen, mit sieben zwischen 1970 und 1988 konzipierten Arbeiten – Sammeltitel „Seven statements in one“ –, die jeweils aus einem oder mehreren Sätzen bestehen. Der Text wird hier also zur Skulptur (Zimmerstraße 77, bis 1. November, Di-Sa 11-18 Uhr).

„Ein Areal, das von allem gereinigt ist, das Schatten verursacht“ oder „Stiele gebrochenen Marmors, über den Grund und über das Wasser gesetzt“, lauten übersetzt zwei solcher Sätze. Wie schon den Happening- und Fluxuskünstlern der sechziger Jahre, genügt dem Konzeptualisten Weiner die pure Handlungsanweisung, die aber nicht einmal ausgeführt werden muss, wie er sinngemäß in einer „Absichtserklärung“ von 1969 schrieb. Das Paradox der Weiner’schen Kunst besteht darin, dass die Text-„Skulpturen“ in sich bereits Manifestationen von Gedanken darstellen. Das ideale Werk, könnte man mit Balzac („Das unbekannte Meisterwerk“) schließen, wäre jenes, das der Künstler für sich behält. Arbeiten von Weiner sind derzeit auch in der Berliner Galerie Konrad Fischer zu sehen (Lindenstraße 35, bis 11. November, Di-Sa 11-18 Uhr). Jens Hinrichsen

ZEITGESCHICHTE

Bomben

im Reisfeld

Völlig atemlos – so präsentiert die Ausstellung 1968 international im Berliner Willy-Brandt-Haus das Jahr der Revolte (Wilhelmstraße 140, bis 19. Oktober, Di–So 12-18 Uhr. Bitte Ausweispapiere mitbringen!). Europa steckt der Schrecken des Zweiten Weltkrieges noch in den Knochen, als die Truppen des Warschauer Paktes in Prag einmarschieren. Der Fotograf Hilmar Pabel beobachtet, wie eine alte Frau weinend das Bild von Alexander Dubcek den Soldaten entgegenhält, hinter ihr brennen die Barrikaden. Pabel, dessen Fotos vom Lubliner Ghetto von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken benutzt worden waren, hatte sich zu dieser Zeit zum überzeugten Pazifisten gewandelt. Eindrucksvoll zeigt die Ausstellung, wie präsent die Vergangenheit 1968 noch war und ruft die Gleichzeitigkeit der Ereignisse in Erinnerung: Straßenkämpfe in Paris, Demonstrationen gegen die Notstandsgesetze in Bonn, die Ermordung Martin Luther Kings in den USA.

Erstmals verbanden damals die Fernsehbilder die Protestbewegungen – nur in Frankreich sind sie nicht zu sehen, weil die Journalisten des Staatsfernsehens sich dem Generalstreik angeschlossen haben. Der Fotograf Bruno Barbey wird zum Chronisten der Revolte. Barbey hat aber auch den Krieg in Vietnam dokumentiert, der den moralischen Hintergrund des Aufruhrs bildet. Ein Farbbild zeigt ein vietnamesisches Reisfeld. Stoisch ernten die Bauern, während hinter ihnen die Bomben fallen. Mag das Thema in diesem Jubiläumsjahr vielfach aufgegriffen worden sein, die Fotos im Willy Brandt Haus verursachen Gänsehaut. Simone Reber

KUNST

Enges

Land

„Lob des Realismus“ heißt die Ausstellung zum 75. Geburtstag des ostdeutschen Malers und Grafikers Ronald Paris, die derzeit im Haus der BrandenburgischPreußischen Geschichte in Potsdam zu sehen ist (Am Neuen Markt 9, bis 26. Oktober). Sie könnte genauso gut „Fluch des Realismus“ heißen. So exemplarisch zeigt das Lebenswerk des 1933 im thüringischen Sondershausen geborenen Paris alle Eigenarten einer Kunst, die sich an einem engen Land abgearbeitet hat.

Dabei gab sich der Meisterschüler Otto Nagels an der Ost-Berliner Akademie nie für Parteipropaganda her. Im Gegenteil: In farbtosenden Ostsee- und Russland-Landschaften dominieren Chagall- und Cezanne-Reminiszenzen; das Triptychon „Dorffestspiele in Wartenberg“ propagierte schon 1961 die düstere Weltsicht Max Beckmanns. Und doch gehörte Paris zu den Auserwählten, die Mitte der Siebziger das Foyer im Palast der Republik mit einem Monumentalbild schmücken durften. „Unser die Welt – trotz alledem“ heißt das inzwischen im Depot gelandete Werk. Heute malt Paris Theaterszenen und Altartafeln. So viel Realismus war nie. Michael Zajonz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben