Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Der fremde

Nachbar

Es gibt zwei Extreme in der Präsentation von Objekten, die zu Kolonialzeiten als „primitiv“ herabgestuft wurden: Die Völkerkunde verankert jedes noch so kunstvolle Schnitzwerk in der Alltagskultur, die Kunst-Fraktion löst Exponate aus ihrem Zusammenhang, um sie ins grelle Licht der europäischen Moderne zu stellen. Die Ausstellung 5000 Jahre – Afrika – Ägypten – Afrika trifft als ausgesprochen sachliches Arrangement die Mitte. Gut so. Auf diese Weise kann sich der Betrachter ganz der formalen Schönheit der Exponate im Kunstforum der Berliner Volksbank widmen. Für die Einbindung in Kontexte sorgt der Katalog (19,90 €, Budapester Str. 35, bis 30.11., Mo–So 10–18 Uhr).

140 afrikanische Objekte des 19. und 20. Jahrhunderts aus der Sammlung Wally und Udo Horstmann werden mit bis zu fünftausend Jahre alten Werken ägyptischer Kunst konfrontiert. Letztere stammen teils aus dem Ägyptischen Museum Berlin, das mit der Ausstellungskonzeption auf die Nachbarschaft von Ägypten und Afrika vorausdeuten will: die kulturhistorischen Felder werden mit dem Humboldt-Forum vis-à-vis der Museumsinsel zusammenrücken. Dennoch wirkt das Zusammentreffen arg gezwungen, denn traditionelle Verbindungen etwa zwischen Mumienmasken aus ptolemäisch-römischer Zeit und ausdrucksvollen Schnitzmasken jüngerer Herkunft lassen sich nicht allen Ernstes behaupten. So oder so ragen die Horstmann-Beispiele heraus, etwa eine Reihe kultischer, „manieristisch“ geformter Kultfiguren aus dem Kongo. Jens Hinrichsen

BUCHMALEREI

Der lässige

König

Liebe und Kampf, Begehren und Entsagung: klassische Zutaten temperamentvoller Unterhaltung. Als „telenovela aus der Zeit des Hohen Mittelalters“ kündigt das Deutsche Historische Museum in Berlin die Leihgabe eines kostbaren Buches aus der Bayerischen Staatsbibliothek München an. Starke Worte aus einem konservativen Haus. Zweieinhalb Monate ist die älteste illustrierte Version eines mittelalterlichen Liebesromans in Berlin zu sehen. Das Epos Wilhelm von Orlens des Hofmanns und Minnesängers Rudolf von Ems entstand um 1238. Die Pergamenthandschrift mit 55 Illustrationen wurde um 1270 am Oberrhein gefertigt. Das Unikat bereichert die Mittelalterabteilung der Dauerausstellung (bis Anfang Nov.). Erzählt werden die Abenteuer eines Ritters aus Brabant, der sich unsterblich in die Tochter des englischen Königs verliebt. Etliche Bewährungsproben muss Wilhelm bestehen, ehe er seine Prinzessin in die Arme schließen darf. Das Buch ist ein bedeutendes Dokument hochadeliger Wertvorstellungen des 13. Jahrhunderts. Aufgeschlagen ist eine Seite mit zwei Illustrationen: Wilhelm verabschiedet sich von seinem Ziehvater in Brabant; und er stellt sich dem englischen König Reinher vor. Lässig sitzt der auf seinem Thron, die Beine mit knallroten Strümpfen übereinander geschlagen. Hinter ihm stehen Höflinge. Sie haben dem englischen König gedient. Michael Zajonz

KLASSIK

Der neue

Russe

Ein Prahlhans ist am unangenehmsten, wenn er auch noch gut ist. Da für den russischen Sonntagnachmittag anlässlich des 100. Geburtstages von David Oistrach dessen Enkel Valery als Solist kurzfristig abgesagt hatte, sprang – auf Empfehlung der Familie Oistrach – Kirill Troussov in die Bresche. Der zeigt nun, unverhofft im Mittelpunkt der Philharmonie, wenig Respekt, wenn er sich in seinen Spielpausen hinter dem Ohr kratzt oder in die Luft schaut. Tschaikowskys Violinkonzert meistert der neue Russe mit zur Schau gestellter Souveränität. Das ist eine völlig andere Herangehensweise als die von David Oistrach, der berühmt war für seinen warmherzigen Ton. Andererseits ist es auch ein erfrischender Bruch. Die Pose mit hochgestelltem Kragen ist schließlich nur eine Art, sich von lähmender Ehrfurcht zu befreien. Ein schlüssiger Ansatz, ist doch Tschaikowskis virtuoses Paradestück nichts anderes als eine grandiose Solokadenz. Troussov spielt es mit dem nötigen Gehalt, nicht bloß blitzsauber, sondern mit innigem Atem wachsend. Das Orchester unter der Leitung des gut aufgelegten Christian Simonis ist inspiriert. Im Gegensatz zu der eher belanglosen Ouvertüre „Ruslan und Ludmilla“ von Michail Glinka gerät die milde Schönheit von Nikolai RimskyKorsakows „Scheherazade“ op.35 plastisch und ergreifend. Was als nostalgische Gala angelegt war, wird zu einem richtigen Konzert und man muss korrigieren: Ein Prahlhans wäre nur unangenehm, wäre er auch noch schlecht.Paul Bräuer

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