Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Wenn Frühnebel

über den Boden zieht

Auf seinen schmalen Schultern türmen sich große Erwartungen: Nikolai Tokarew wird als einer der aufregendsten Pianisten seiner Generation gehandelt und in einem Atemzug gar mit Glenn Gould oder Vladimir Horowitz verglichen. Und das mit gerade mit 25. Natürlich will man da beweisen, dass man nicht nur ein fulminanter Handwerker ist, sondern auch eine reife, tiefe Künstlerpersönlichkeit. Für seinen Klavierabend im Kammermusiksaal hat Tokarew aus seinen zwei CD-Aufnahmen eine Programmfolge erdacht, die allen Zweiflern begegnen will.

Schubert, Ravel und Liszt – das ist ein pianistischer Dreisprung von Intimität, Eleganz und virtuoser Abgründigkeit. Selbstbewusst gewinnt er einem von Husten geschüttelten Publikum meditative Ruhe ab, noch bevor er eine Note gespielt hat. Gebietet Andacht, um dann wie nebenher Schuberts „Moments Musicaux“ anzuschlagen. Dabei kontrolliert Tokarew akribisch den Klangraum, trübt die Transparenz tüchtig ein, auf dass die Musik ganz knapp wie Frühnebel über den Boden zieht.

Es entsteht ein Abbild von Melancholie, kunstvoll auf Distanz gehalten. Eine Illusion von Nähe. Bei Ravels „Gaspard de la nuit“ gestaltet Tokarev die eleganten Seiten des nächtlichen Spuks weitaus überzeugender als die verstörenden Begegnungen mit lebenden Schatten. Das hat bei Liszts gewaltiger h-moll-Sonate einen befreienden Effekt: Die frische Luft der Improvisation scheint durchs Gebirge zu wehen. Tokarew ist ein frappierender Spieler. Für Bekenntnisse bleibt ihm noch viel Zeit. Ulrich Amling

KLASSIK

Wenn der Feuervogel

zum Flug anhebt

Das Motto von Ingo Metzmachers zweiter Spielzeit beim Deutschen Symphonie-Orchester verrät trotz seiner Knappheit schon alles: Wenn einer „Aufbruch 1909“ auf seine Fahnen schreibt, interessiert ihn an der Musik dieser Epoche nicht der Bodensatz des 19. Jahrhunderts, sondern das Moderne, Vorausweisende. Auch beim „Feuervogel“, der in der Philharmonie den Reigen eröffnet, ist auf Anhieb klar, wohin die Reise geht: Metzmacher holt Strawinskys Märchenballett aus dem russischen Zauberwald mitten auf die Pariser Boulevards, in eine Nacht, die kein Dunkel mehr kennt. Statt mystischen Mischklangs herrschen kühle Trennschärfe und urbane Eleganz. Wie Ausstellungsstücke hinter den blankpolierten Fensterscheiben eines großen Kaufhauses erscheinen die Motive. Wenn schließlich das Zauberschloss versinkt, klingt das so grell und lärmig, als ob gerade ein Automobil mitten in die Auslage gefahren wäre. Strawinsky, zeigt Metzmacher mit seinem Blick zurück nach vorn, war mit seinem „Feuervogel“ nicht nur aufgebrochen, sondern schon angekommen.

Eine vergleichbare Erleuchtung bleibt bei Brahms’ Violinkonzert leider aus. Hier bricht die Musik bei Metzmacher leider nicht auf, sondern immer wieder ab: Mit breiten Tempi und poltrigem Ton schafft das Orchester lediglich eine Rampe, auf der der junge Sergey Khachatryan ziemlich verloren herumsteht. Der 23-jährige Armenier hat zwar einen hinreißend schönen Klang, aber kein Konzept – und erst recht nicht den großen Atem, den dieses Konzert mehr als alle anderen braucht. Den Ecksätzen fehlt es an Biss und Behauptungswillen, im langsamen Satz bleibt der Ton zu eng, um wirklich singen zu können. Hier hätte Metzmacher eigentlich helfen müssen. Aber wer aufbrechen will, kann sich wohl nicht auch noch um andere kümmern. Jörg Königsdorf

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