Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Schwarze

Diamanten

Was soll man an diesem Pianisten mehr bewundern: Seine unfehlbare, diskret lockere Technik, seine musikalische Intelligenz oder seine Empfindsamkeit? Allein das Programm verdient Hochachtung, mit dem sich der Schwede Fredrik Ullén im kleinen Konzerthaus-Saal präsentiert. Mystische Vorstellungen, wie sie viele Komponisten in der indischen Philosophie und Religion fanden, sind Ulléns programmatische Klammer: Als ein „Liebeslied“ der Versöhnung aller Gegensätze sieht Olivier Messiaen sein „Cantéyodjayâ“ (Ordnung des Gesangs). Aggressiv verspielte Rhythmen antworten seriell gespannter Melodik, klirrende Diskantcluster meditativen Chorälen. Mit Giacinto Scelsis „Verwandlungen Vishnus“ versenkt sich Ullén in einen düsteren Klangkosmos, in fahlen Tritonus-Intervallen pendelnd an Liszts „Trauergondel“ erinnernd, eine Toteninsel voll schwarzer Diamanten. Wie Ullén hier feuersprühende Basstöne inszeniert, so hell, leicht und duftig klingen fünf „Études transcendentales“ von Kaikoshru Sorabji, jenem britischen Klaviergiganten parsisch-spanisch-sizilianischer Abstammung, dessen vierstündiges „Opus Clavicembalisticum“ alle pianistischen Hexenkünste versammelt. Zur Ekstase der Virtuosität gesellt sich bei Alexander Skrjabin noch um vieles mehr diejenige der Phantasie: Die Sonate fis-Moll sowie ausgewählte Etüden sind bei Fredrik Ullén ein Rausch an Hellsichtigkeit, ebenso Klangdrama wie klarste, kühlste Struktur, aus der bisher nie Gehörtes an thematischen Verkettungen hervorblitzt. Isabel Herzfeld

KUNST

Etwas schief

im Leben

Nicht weit vom Georg-Kolbe-Museum steht sein Grabstein: 1934 wurde der Dichter und Maler Joachim Ringelnatz auf dem Friedhof Heerstraße beigesetzt. Anlässlich seines 125. Geburtstags zeigt das Kolbe-Museum nun eine Kabinettausstellung mit Gemälden, Büsten, Gedichten und Dokumenten (Sensburger Allee 25, bis 16. 11., Di–So 10–17 Uhr). Das meiste davon stammt aus seiner Geburtsstadt Wurzen. Der Fokus liegt auf Ringelnatz’ Beziehungen zu Berliner Künstlerfreunden. Ringelnatz kam bereits während seiner Seefahrerjahre oft nach Berlin und ließ sich hier 1930 endgültig nieder. „Ich wünschte, ich könnte auch so ein Gedicht machen“, seufzte 1923 die Bildhauerin Renée Sintenis. Im selben Jahr widmete sie dem Dichter mit der Habichtsnase ein zerklüftetes Bronzeporträt. Zeichnungen von Walter Trier, Olaf Gulbransson und Jean Cocteau beweisen, wie karikaturgeeignet der Mann war, der von sich sagte, „etwas schief ins Leben gebaut“ zu sein. Dass der mit Otto Dix befreundete Ringelnatz in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren trotz fehlender Akademieausbildung als Maler erfolgreich war, belegen die Ölbilder „Ballade“ (1926) und „Fremde“ (1928) in melancholisch-fahlen Farben. Unheimliche Stimmungsbilder, die zum Gedicht „Kanäle in Berlin“ passen, in dem es heißt: „Beleuchtete Zimmer und Säle / Locken mit lautem und hellem Spiel / Aber die dunkle Politur der Kanäle / Verschweigt so viel.“ Jens Hinrichsen

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