Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

THEATER

Wahnsinn

mit Methode

Schummriges Schreibtischlicht erhellt die Bühne. Fünf Figuren kämpfen sich durch ein Labyrinth aus zwei Dutzend vielfach ineinander verschachtelter Tapeziertische – jede in ihrer Welt, jede in ihrem eigenen Wahnsystem. Denn das ist der Kern des musiktheatralischen Projekts Tote Fliegen verderben gute Salben der freien Baseler Theatergruppe CapriConnection im HAU 3. Der Titel stammt aus einem Interview mit einer Psychiatriepatientin. Regisseurin Anna-Sophie Mahler, die erst jüngst Christoph Schlingensief dabei half, mit den „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper eine andere Wahnsinnige auf die Bühne zu bringen, hat bei Besuchen in Kliniken entdeckt, dass Wahnsysteme meist nicht chaotisch, sondern in sich geschlossen und logisch sind.

So treffen an diesem Abend mehrere Systeme aufeinander: Der lebensfeindliche Raum der Bühne (Duri Bischoff), die autistischen Texte der scharf gezeichneten Figuren (Susanne Abelein, Thomas Douglas, Fabienne Hadorn) und die Musik. Stefan Wirth sitzt mit eigenen Kompositionen am Flügel, Jeannine Hirzel singt Lieder von Donizetti, Dowland und Berg. In der traditionellen Oper, die an Wahnsinnigen ja auch nicht arm ist, werden die Widersprüche meist durch Musik vermittelt. Hier scheint jede Kommunikation unmöglich. Jeder lebt isoliert vor sich hin. Das Programmheft verspricht einen Welterklärungsversuch. Wenn ja, dann einen sehr pessimistischen. Udo Badelt

ARCHITEKTUR

Die vorbildliche

Fabrik

Ein 27-jähriger Architekt, der nach oben will, und ein 53-jähriger Unternehmer, der noch mal von vorn beginnen muss: ein ideales Gespann zur Verwirklichung großer Ideen? Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus-Archivs, ist sich da sicher. Das Zusammentreffen von Walter Gropius und Carl Benscheidt war ein Glücksfall in der Geschichte moderner Architektur. Ab 1911 entwickelten die beiden die künstlerischen und unternehmerischen Konturen einer Schuhleistenfabrik, die Geschichte machte: das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine. In der Niedersächsischen Landesvertretung zeigt das Berliner Bauhaus-Archiv nun gemeinsam mit dem bis heute im Fagus-Werk produzierenden Familienunternehmen Fagus-Grecon und der Niedersächsischen Sparkassenstiftung eine Ausstellung über die von Gropius und Adolf Meyer erdachte Inkunabel der Fabrikarchitektur (In den Ministergärten 10, bis 19. Oktober, tägl. 11 – 18 Uhr).

Fotos, Modelle, historische Adress- und Notizbücher sowie originale Möbel aus der Fabrik und der Villa von Carl Benscheidt junior, dem Sohn des Firmengründers, belegen den engen Kontakt zwischen Gropius, Bauhäuslern wie Moholy-Nagy und Herbert Bayer zur sozial denkenden Unternehmerfamilie. Familientradition, die verpflichtet, wie der Firmeninhaber und Urenkel des Gründers, Ernst Greten, bei der Eröffnung befand. Und eine Einladung aussprach, die vorbildlich restaurierte Fabrik zu besuchen. Michael Zajonz

PERFORMANCE

Immer

schön feindlich

Freund oder Feind – oder womöglich beides? Obwohl ich Dich kenne, die neue Produktion der Berliner Performancegruppe Nico and the Navigators für vier Darsteller und zwei Musiker im Radialsystem V (wieder am heutigen Freitag und morgen, 20 Uhr), umkreist einen scheinbaren Widerspruch: die innige Zuneigung birgt in sich schon den Keim einer herzlichen Aversion. Und die Wertschätzung des Freundes wird durch das tiefere Erkennen nicht infrage gestellt. Regisseurin Nicola Hümpel hat der Freundschaft ein Denkmal setzen wollen, dabei aber kräftig am Sockel gerüttelt. Der Briefwechsel von Goethe und Schiller sowie Friedrich Nietzsche und Richard Wagner (spätere Erzfeinde, wie man weiß) diente als Anregung. Doch nicht des Bundes edler Geist wird hier zelebriert, unmögliche Paarungen sind zu bestaunen.

Die Darsteller gerinnen schon mal zu Statuten, ein Tuch verhüllt dann das Freundesmonument. Aufgedeckt werden schließlich Ungeschick, Zwang sowie Unvereinbarkeit im Wollen und im Nichtwollen. Hochtrabende Sentenzen, in den Raum geschmettert, sind zugleich Beschwörung und Beschimpfung. Immer mal wieder steckt einer in einer Box fest, guckt in die Röhre und muss sich auch noch Vorhaltungen eines Freundes anhören. Es wird in vier Sprachen räsoniert – doch leider verpuffen viele Botschaften, auch akustisch. Zu unterschiedlich sind diesmal auch die Spielweisen. So wird der Abend zu einem eher zähflüssigen Freundschaftstest. Sandra Luzina

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