Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

PERFORMANCE

Rausch

und Tausch

Am Anfang ist nur Stampfen und Schnalzen. Und das windschiefe Lächeln eines Mannes mit Haaren wie Nymphensittichfedern. Dann plötzlich bricht das Mandolinengewitter herein, und dunkel lockt der Abgrund. In der Ekstase des Veitstanzes führt uns Lars Rudolph mit seinem Trompetenspiel rasend langsam auf den Rand der Welt zu: Ein kindsgesichtiger Großstadtengel mit allwissenden Augen, ein moderner Rattenfänger und sich selbst doch stets ein waidwundes Tier.

„Der Wald ist dunkel“ lautet der Titel des Programms, mit dem sich der Theater- und Filmschauspieler als Sänger seiner neuen Band „Mann und Maus“ jetzt in der Bar jeder Vernunft (Schaperstr. 24, wieder 21. und 22. 10.) vorstellte. Seine vier Musiker stammen von Kapaikos, dem „Mandolinenorchester im Fiebertraum“. Die von Gitarren, Mandolinen, Bass, Rudolphs Trompete und einer singenden Säge begleiteten Stücke wie „Tote Augen“ wirken zunächst sperrig, sie fremdeln und befremden, doch nach kurzer Zeit stellt sich eine lustvolle Sogwirkung ein. Manche Lieder scheinen direkt als Tango für die Apokalypse komponiert, die Zwanziger sind zurück, „der fromme Tanz“ beginnt von Neuem. Rudolph krächzt, nuschelt, bricht in Vogellaute aus, man hört und sieht Grenzgänger wie Kinski, Lindenberg, Helge Schneider. Andere Songs suchen Dauerhaftigkeit und Sinn im Rausch und Tausch der Herzen. Das sind Momente voller Poesie und Zärtlichkeit, und das Pfeifen im dunklen Wald verstummt. Eva Kalwa

KLASSIK

Bausch

und Bogen

Der Texaner Carl St. Clair, neuer Generalmusikdirektor der Komischen Oper, hat mit dem Programm für sein Einstandskonzert keine sonderlich glückliche Hand bewiesen. Christian Jost, in dieser Saison composer in residence an der Behrenstraße, bezieht sich in seiner Sinfonia Concertante mit dem durchaus originellen Titel „Mozarts 13097. Tag“ – rechnerisch – auf Wolfgang Amadés Todestag. Man spürt den unbedingten Ehrgeiz des Komponisten, etwas irgendwie Anspruchsvolles schaffen zu wollen. Dabei verliert sich Jost im Gestrüpp lang gezogener Linien und unzähliger Kleinstmotive, die am Ende kaum mehr als eine diffuse Trauerstimmung erzeugen. Selbst die halsbrecherischen, geradezu panikartigen Ausbrüche der beiden Soloinstrumente illustrieren letztlich nur die Formelhaftigkeit dieser Musik.

Auch in Richard Strauss’ „Heldenleben“, präsentiert St. Clair lediglich warmherzige Schwärmereien. Das Stück ist ja doch eher eine merkwürdige Mischung aus Effekt und Humor, Virtuosität und Wohlklang. Mit ausladenden Gesten und kämpferischer Faust entlockt der Amerikaner seinem Orchester einen schwergewichtigen, zäh dahinfließenden Klangrausch – ein akustisches Wellness- Schaumbad, das für Zwischentöne nur wenig Platz bietet. Der Rest zerfällt in Einzelmomente, alle komplexeren Strukturen wirken buchstabiert. Den Weg von der Organisation zur Interpretation hat Carl St. Clair allenfalls ansatzweise beschritten. Viel Arbeit für die nächste Zeit. Andreas Göbel

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