Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Wo die Stille

regiert

Beethoven und Goya. Beide waren begeistert von der Französischen Revolution und bald von Napoleon schwer enttäuscht. Beide setzten sich in ihrer Kunst unermüdlich mit Hoffnung, Krieg und Resignation auseinander. Zwei zutiefst humane Künstler, die beide ertaubten. Wenn Ingo Metzmacher und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin die Uraufführung von Helmut Oehrings „Goya II. Yo Lo Vi“ – ein „Memoratorium“ nach jener Radierung aus Goyas Zyklus „Desastres de la Guerra“, in der eine Mutter ihr zu Tode erschrockenes Kind vom Kriegsschauplatz wegzerrt – mit Beethovens „Eroica“ kurzschließen, ist das programmatisch nur zu sinnfällig. Auch deshalb, weil der 47-jährige Oehring als Kind gehörloser Eltern die Gebärdensprache erneut in eine Komposition integriert. Und weil Metzmacher, der als Jury-Mitglied den vor Konzertbeginn in der Philharmonie an Oehring verliehenen ArnoldSchönberg-Preis mitverantwortet, die hellhörig engagierte Zeitgenossenschaft beider Komponisten hervorkehrt. Ein elektrisierender Abend.

„Goya II“ mit Texten unter anderem von Garcia Lorca und Peter Weiss ist ein aufwändiges, illustrativ beredtes Oratorium. Der Rundfunkchor Berlin, das DSO, ein Kontrabass spielender Sprecher, ein Gebärdensolist, zwei Gitarristen, elektronische Klänge und vor allem der anrührende Knabensopran von Dennis Chmelensky künden vom Unheil des Krieges und vom Leiden der ihm wehrlos ausgesetzten Menschen. Immer wieder die Chiffre Guernica, immer wieder marschierende Pizzicato-Armeen und die geräuschhafte Wucht anrollender martialischer Maschinerie. Überzeugender als diese überkonnotierten Passagen sind die kammermusikalischen Episoden: die stille Verzweiflung der Konzertgitarre, die vergeblichen Rufe des Knaben, die Slowmotion der Schreckstarre. Wenn der Gebärdensolist die Zeichen für Stille in die Luft malt, wird er für Momente zum Wiedergänger des Dirigenten in seinem Rücken.

Und Beethoven? Metzmacher radikalisiert die Eroica und bewahrt doch federnde Eleganz, betont den MontageCharakter des Finales, paart Unerbittlichkeit mit Seelenglut. Wie er im Trauermarsch vom intimsten Schmerz zum Staatstrauerton changiert und die marodierenden Streicher als verlorene Existenzen ins Feld führt – das geht einem nach. Christiane Peitz

MUSIKTHEATER

Flucht

ins Kino

Es ist das alte Dilemma von Nachwuchsregisseuren, die mit Aufführungen wenig bekannter Musiktheaterwerke auf sich aufmerksam machen wollen: Sollen sie alle Kraft darauf verwenden, das Stück vorzustellen oder dürfen sie es als Spielmaterial verwenden, um das Musiktheater auf eigene Rechnung ein Stück weit neu zu erfinden? Was Leonard Bernsteins Taschenoper Trouble in Tahiti betrifft, so erzählt das einstündige Stück in lapidaren aber packenden Szenen vom Ehealltag in New Yorks Suburbia, dem die Frau durch einen heimlichen Kinobesuch entflieht. Die Regisseurin Rahel Fiona Juschka weitet die Filmmetapher aus: Die Studentin an der Hanns-Eisler-Hochschule bebildert ihre Vordiplomsinszenierung in der kleinen Arena des Tempodroms mit selbst gedrehten Filmsequenzen, die wie aus einem ständig laufenden Fernseher in das Wohnzimmer flimmern und seine Bewohner mit den billigen Glücksversprechen der Werbung infiltrieren.

Auch wenn dieser Ansatz grundsätzlich stimmig ist und die Dreharbeiten augenscheinlich viel Spaß gemacht haben – durch die Hyperaktivität auf der Leinwand lenkt die Regisseurin von den Hauptdarstellern ab – zumal auch noch die Spielfläche beständig von Myrtha Leonie Juschkas quirliger Choreographie gefüllt wird. Dabei hätten Jenny Winkler und Robert Elibay-Hartog Stimme wie Ausstrahlung genug, um das Ehedramolett als intimes Kammerspiel zu gestalten. Die Moral, der Bernstein in der von Young Eun Hur dirigierten Komposition selber folgte, war jedenfalls die, dass künstlerische Ökonomie die größere Tugend ist . Carsten Niemann

KLASSIK

Wenn die Zeit

stehen bleibt

Wenn ein Weltstar wie Mitsuko Uchida zum Auftakt seiner Saison als Pianist in Residence der Berliner Philharmoniker zusammen mit den Stipendiaten der Orchesterakademie musiziert, dann ist der Kammermusiksaal schon vorab von Dankbarkeit erfüllt. Wenn dann noch ein Mozart-Klavierkonzert auf dem Programm steht, kommt Andacht mit hinzu – und auch ein stiller Trotz gegen das Wummern des Oktoberfestzeltes auf dem Kulturforum, das sich mit in den Saal drängt. Uchida, bald 60 Jahre alt, und zum Davonfliegen zart, spürt man die Lust an, mit diesen jungen Musikern aufzutreten. Sie ist kein unnahbares Klavierorakel, begreift sich selbst immer noch als Studentin und bringt eine Atmosphäre von Heiterkeit und Neugier mit aufs Podium.

Umgeben von ihrem Orchester aus 15 Stipendiaten dirigiert und spielt sie Mozarts Klavierkonzert Nr. 12, animierend und mit wehenden Armen, immer ein Stück über dem Boden schwebend. Alles ist Spiel, ein harmloses zumal. So hängt die Spannung schon mal durch, etwa im langsamen zweiten Satz oder bei den Pointen des Finalsatzes, wo Uchidas Anmut ein Gegenüber mit Widerspruchsgeist hätte vertragen können.

Bedeutend intensiver gelang darauf Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ mit einer sehr ernsthaften Uchida und jungen Solisten, die sich von dieser Meditation über die Geheimnisse des Glaubens zu großer Intensität anstiften ließen. Man konnte erleben, wie die Zeit langsam ihre Herrschaft verlor und schließlich stehen blieb. Nur das dumpfe Wummern aus dem Festzelt erinnerte noch an die eigene Sterblichkeit. Ulrich Amling

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