Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Benzin und

tote Fische

Das waren noch Zeiten, als ein Gershwin seine Pariser Eindrücke mit Autohupen im Orchester umsetzte. Wer komponiert schon noch Paris? Heute müssen es Megastädte sein, und die Tonsetzer werden strategisch verschickt. Istanbul, Dubai, Johannesburg, Pearl River Delta heißen die Einsatzorte, deren Goethe-Institute jeweils vier Komponisten einen Monat lang betreut haben. Jetzt war zu hören, was Istanbul in ihnen angerichtet hat. Das Ensemble Modern spielte im Konzerthaus vier Partituren, deren zwei beste nicht gegensätzlicher sein könnten. Samir Odeh-Tamimi, 1970 bei Tel Aviv geboren, liefert farbkrachende Sounds zwischen Karambolage und Ritual, eruptiv, dreckig. „Changir“, von Alejo Pérez zupackend dirigiert, riecht nach Leben, Benzin und toten Fischen. Dagegen hat der Schweizer Beat Furrer das Brodeln am Bosporus in wunderbare Abstraktionen überführt. Die Bläserfarben von „Xenos“ lassen an Messiaen, die Atemzüge an Sciarrino denken, doch Furrer hat eine unverwechselbare Art, Körper in den Raum zu stellen. Vladimir Tarnopolski indessen hat mit einer „Schichttorte“ leider nicht zuviel versprochen. Prätentiös führt er metrische Überlagerungen vor, pompös instrumentiert – sein „Eastanbul“ führt zur Istanbulimie. Dafür kann man in Mark Andres „Üg“ die Rippen zählen. Aufs Durchscheinende reduziert sind instrumentale Geräusche und mit verwobene Tondokumente geflüsterter Multireligiosität. Diese Sensibilität hat eine Modefarbe, einen Hauch von Chiffon. Da fehlt schlicht die Hupe. Volker Hagedorn

OPERETTE

Abrissbirnen

und Lametta

Der sterbende Schwan ist wirklich sehr schön in seiner Federn lassenden Verletztlichkeit. Und die Schizophrenie des Herzogs als zugedröhnter „Teufel“ hier und „Tenor“ da offenbart natürlich etwas von der Bodenlosigkeit des Genres. Auch Anninas Einsingübungen machen lachen oder der Mann vom Ordnungsamt, der mitten in Venedig von Spreewaldgurken träumt. Schade nur, dass mehrheitlich so mäßig gesungen wird.

Eine Operette also, drei Akte, drei Regieteams – drei Handschriften? Amore per tutti nennt sich das zehnte Projekt K.O. von Regiestudenten mit Komilitonen aus den Fächern Bühnenbild, Dirigieren und Gesang im HAU1 (eine Kooperation von Komischer Oper, UdK, Hanns Eisler Hochschule und Junger Philharmonie Brandenburg). Angelehnt an Strauss’ „Nacht in Venedig“ lautete die Aufgabe, das Stück „durchzuerzählen“. Dem wird Alvaro Schoecks erster Akt am ehesten gerecht, indem er die Figuren um ein riesiges Geschenkpaket tanzen lässt. Eine Abrissbirne, wummm, sagt, dass es um mehr nicht geht. Eine Kiste gibt’s auch bei Franziska Kronfoth im handwerklich versiertesten dritten Akt, nur quillt hier viel zu viel daraus hervor, Dekonstruiertes, lustig Pervertiertes. Am selbstbezüglichsten, talentiertesten: Roman Lembergs zweiter Akt. Lametta von der Decke, Drogen, Frauen: Venedig now. Und Stillstand. Ein Abend über eine Regiejugend, die schon viel zu lange im goldenen Käfig sitzt. Fragt sich nur, wer den Schlüssel hat. Christine Lemke-Matwey

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