Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Die Kunst,

freundlich zu sein

Manchmal hilft Reden doch. Cellist Eckart Runge erläutert die Bedeutung der Pausen in Jörg Widmanns 2. Streichquartett, lässt den Bratscher Friedemann Weigle das integrierte Holzknarzen vorführen und spricht heiter über das kontemplative Werk. Prompt herrscht bei Widmanns fragiler Haydn-Paraphrase konzentrierte Stille im Kammermusiksaal. Gezauste, extrem scheue Neue Musik – und alle spitzen die Ohren. Warum wird Zeitgenössisches dem Konzertpublikum nicht öfter auf diese Weise kommuniziert?

Musikalisch ist das Artemis Quartett ohnehin ungemein beredt, auch in der seit 2007 neuen Konstellation mit Geiger Gregor Sigl und Bratscher Weigle. Im Rahmen seiner Schubert-WidmannReihe waren diesmal das g-Moll-Streichquartett D 173 und „Der Tod und das Mädchen“ dran. Vielleicht liegt es am bereits bewährten Auftritt im Stehen (der Cellist hat ein kleines Podest), am geringeren Bogendruck, am feinen, natürlichen Vibrato vor allem von Geigerin Natalia Prishepenko: So federnd leicht, so verbindlich und doch ohne jede Schwermut klingt Schubert selten. „Der Tod und das Mädchen“ – eine Lebensfeier im Angesicht der Sterblichkeit: exquisite dynamische Schattierungen, weich galoppierende Synkopen, Verve ohne falsches Pathos, Herzenswärme ohne Weichspüler. Allein wie die Vier im Variationssatz die Taktenden eine Nuance verzögern, um geschwind wieder anzuziehen, das beflügelt die Sinne. Mit jeder Note plädieren Artemis für mehr Freundlichkeit unter den Menschen. Beglückender Abend. Christiane Peitz

FOTOGRAFIE

Lerne lächeln,

ohne zu weinen

Die Motive sind weltberühmt. Millionenfach sind die acht Säulen an der östlichen Seite des Parthenon und die von den sechs Karyatiden getragene Vorhalle des Erechtheion fotografiert worden. Auch Francis Ducreau hat das getan. Doch ihn interessieren weniger die antiken Tempel der Akropolis. Er beobachtet das Fotografieren und Fotografiert-Werden, hält mit Hilfe seiner altmodischen Analogkamera unzählige Besucher fest, die sich vor den Sehenswürdigkeiten ablichten. Ducreaus Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Menschen, die an uns vorbei lächeln, hin zu einem Freund oder Familienmitglied. Sie dokumentieren auch, dass die Modelle dabei im Bemühen, größer zu wirken, die Zehen in ihren Flip-Flops krümmen oder dass sie nach dem Besichtigungsstress in der Athener Hitze ein Bein zum Ausruhen auf die Steinmauer legen. Der Besucher der Ausstellung Check it, if you like it im Europäischen Patentamt (Gitschinerstr. 103, Kreuzberg, bis 14. 11., Mo-Do 9-15 Uhr) ertappt sich dabei, dass sein Blick von den kleinen Kamera-Displays der Touristen angezogen wird. Ist das moderne Auge so sehr an diesen mittelbaren Zugang zur Wirklichkeit gewöhnt? Aber der unbeteiligte Betrachter bemerkt vielleicht als einziger den abwesenden Blick des Sohnes, die dominante Haltung der Mutter und die Traurigkeit im Lächeln der Ehefrau. Eva Kalwa

KLASSIK

Vom Fließen

der Klänge

Zwei schwergewichtige Werke stellt Daniel Barenboim in der Philharmonie nebeneinander: Schönbergs Orchesterliedern op 8 folgt nach der Pause Bruckners vierte Sinfonie, Spätromantik trifft auf Nachromantik. Wobei die erste Konzerthälfte sicher die charmantere ist, Schönbergs sechs 1914 uraufgeführte Lieder verbinden traumhaft reiche Orchestrierung mit subtiler Textausdeutung. Die Gedichte von Heinrich Hart, aus „des Knaben Wunderhorn“ und von Petrarca sind von anrührender Weltabgewandtheit. Da werden pastorale Szenen mit Liebe und Tod verwoben, Sehnsucht und Süße lassen den Klangstrom zuweilen fast zum Stillstand kommen, bevor Schönberg sein dichtes polyphones Stimmgeflecht wieder in Gang setzt. Auch in den heroischen Passagen, etwa in „Das Wappenschild“ ist dies immer eine Musik des Fließens, der vielschichtigen Komplexität. Deborah Polaski singt das alles ganz zart und schnörkellos, die Staatskapelle schwelgt im bittersüßen Klang, es ist eine Musik der Rückschau und gleichzeitig eine Vorahnung des Kommenden. Eher monolithisch zeigt sich dagegen Bruckners Vierte mit ihren streng abgezirkelten Motivblöcken, klanglich gerät sie nur in den lyrischen Passagen charmant. Barenboim gelingt gleich die erste, sich schnell aus dem zarten Hornmotiv emporschwingende Steigerung mit sicherer Hand, später geraten die massiven Blechbläserattacken oft zur akustischen Dampfwalze. Da hat man beim Musikfest gerade bei Bruckner eine andere Klangkultur erlebt. Ulrich Pollmann

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