Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Klangspäne hobeln

Gebrummel, Geklapper, blaues Licht, Nebel, Jubel. Dann steht da Heather Nova. Lange Haare, Trägertop, Akustikgitarre. Ein ruhiger Beginn mit „I don’t know if I took a wrong turn“. Kristallklare Stimme. Ein Song vom neuen Album „The Jasmine Flower“, das die 41-jährige Songwriterin auf ihrer Bermuda-Insel nur mit Gitarre aufgenommen hat. Ein ruhiges Folk-Album. In der Columbiahalle sind inzwischen drei weitere Musiker auf die Bühne gehuscht und legen gemeinsam los. Bis es heftig rockt. Getrieben von einem knalligen Schlagzeug und einem trocken achtelnden Bass. Die dänische Gitarristin Berit Fridahl biegt den Körper in die gezausten Töne, knallt Akkordfolgen, sägt Feedback-Soli, schabt Klangspäne von den Saiten. Und darüber weht Heathers durchdringende Stimme. Doch wie die Orkane der Gitarristin gezähmt werden, so findet der Gesang immer zurück zu weichem Folk und warmem Soul. Das Repertoire ist eine feine Auswahl aus Alben der letzten 15 Jahre. Im Konzert klingt alles noch besser und lebendiger. H. P. Daniels

KLASSIK

Am Ende der Kräfte wartet die Muse

Ob Sofia Gubaidulina, als sie 1962 ihre Chaconne schrieb, ahnte, dass das Stück in den Waldorfschulen ein echter Tanzhit würde? Die 25-jährige russische Pianistin Anna Vinnitskaya stellt das rhythmisch vielschichtige Stück an den Anfang ihres Konzerts der Reihe „Debüt im Deutschlandradio“ im Kammersaal der Philharmonie. Danach folgen dicke Brocken, zunächst Sonaten von Rachmaninow und dessen Zeitgenossen Nicolai Medtner. Die Frage, ob es sich bei Frau Vinnitskaya um eine Pianistin mit emotionalen und rationalen Anliegen handelt, oder nur um eine weitere perfekt ausgebildete Wettbewerbssiegerin, wie sie die Klassikbranche pausenlos produziert, lässt sich zur Pause noch nicht beantworten. Perfekte Technik und Spielsicherheit besitzt sie zweifellos, doch wirkt ihr Spiel oft kraftvoller als inspiriert. Nach der Pause zeigt sich aber, dass die Pianistin viel Anlauf braucht, um warm zu werden. Lists gewaltige h-moll Sonate, eine Heimsuchung für jeden Spieler, gelingt ihr schlüssig. Nicht nur die Tastenstürme beeindrucken, auch der Spannungsbogen über das lange Stück hält, zudem geraten die zarten Passagen wunderschön. Es scheint, als müsse Anna Vinnitskaya erst an die Grenze ihrer Kräfte kommen, um zur Muße zu finden. Im Frühjahr ist sie Gast beim RSB. Ulrich Pollmann

KLASSIK

War Beethoven Mechaniker?

Beinahe hätte man sie einmal mit Händen greifen können, die überwältigende Fülle der Musikstadt Berlin. Zweimal Bruckners Vierte, parallel zu hören unter Barenboim und Haitink, mit Staatskapelle und Philharmonikern. Ein Kräftemessen. Doch Altmeister Haitink musste gesundheitsbedingt absagen, Einspringer David Zinman ließ Bruckner von den Pulten nehmen und Beethoven auflegen. Vom ursprünglichen Programm blieben Peter Liebersons „Neruda Songs“ übrig, eine Liebeserklärung des US-Komponisten an seine Frau, die 2006 verstorbene wunderbare Mezzosopranistin Lorraine Hunt. Auf fünf Gedichte von Pablo Neruda komponiert, steigen Liebersons Songs hinab zu den Ufern eines Stroms, dessen dunkle Wasser Sehnsucht, Trennung, gar dem Tod trotzen. Melancholie und Gewissheit durchdringen sich, widerstreitende musikalische Elemente verschmelzen: Eine große Verwandlerin ist die Liebe. Dass die „Neruda Songs“ in der Philharmonie dennoch nur schwach glimmen, liegt an der mädchenhaften Kelley O’Connor – und an David Zinman. Der Maestro meidet emotionale Nähe, macht lieber Strukturen nachvollziehbar, will Details durchleuchten. Das führt bei Beethovens Siebter zu mechanischen Einsichten. Doch der Physik des Stücks sind die Philharmoniker jüngst unter Simon Rattle schon nichts schuldig geblieben. Zinman kann dem nichts hinzufügen. Wer dringt vor zu Beethovens Meer der Schmerzen, seinen trotzigen Ausbruchversuchen? (Wieder heute, 20 Uhr.) Ulrich Amling

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