Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

CHANSON

Wer weiß weiter?

Rotes Samtkleid, blaues Licht, Nebel, Zigaretten, Drinks, ein Sofa. Worte, Assoziationen, Über- und Umleitungen, vertröpfelnde Fontänen. Sie ist ein Phänomen wie immer, galt einst als Stern am Chanson-Himmel – heute sollen wir ihr extra viel nachsehen. Ihre schwulen Altherrenzoten klingen jetzt unkomisch. Ihr radikales Privatisieren: ein verplapperter Lebensabend. Georgette Dee präsentiert sich im Tipi wieder als Gesamtkunstwerk: „Dee Magic Music“ (letzte Vorstellung am heutigen Sonntag, 19 Uhr). Den poetisch swingenden Zauber retten Roland Cabezas an der Gitarre und Jürgen Attig am Kontrabass. Dass die schönen Lieder (von „Bird on a wire“ bis „Dream a little dream“) so wurstig zerkrächzt sind wie früher: geht heute nicht mehr auf. Die privaten Anekdoten: ein Versteckspiel. Der gurrende Grundton: ersäuft alle Nuancen. Alberne Kiekser: kaschieren Nervosität. Immerhin sitzen einige Aphorismen. „Man steht auf dem Balkon und denkt, es regnet, aber man weint nur und hat die Brille auf.“ „Was trinken Lemminge, bevor sie loslaufen?“, fragt Dee den tumben, anbandelnden Kellner. „Einen Absacker“, kontert der. Sie sagt: „Wenn all das, was man erreicht hat, verloren geht, weil die Gier größer ist als die Erinnerung...“ Auch dieser Satz endet nicht. Thomas Lackmann

POP

Wer kennt den Film?

Zwölf Streicher, drei Bläser und eine Paukistin haben The Last Shadow Puppets für ihren Auftritt im Tempodrom angeheuert. Wer flockiges Ornament für den üblichen Britpop-Sound erwartet, dürfte schockiert sein: „In my Room“ tobt mit wüstem Orchester-Tutti los, aus dem sich rumpelnde Beats und die Nölstimmen von Alex Turner und Miles Kane schälen. Die Last Shadow Puppets sind ein aufwendiges Nebenprojekt, in dem vor allem Turner seine mit den Arctic Monkeys erwirtschafteten Gewinne vergesellschaftet. Turner und Kane wirken wie Brüder, wechseln sich mit Gesang und Gitarre ab, schäkern mit den vorwiegend weiblichen Fans. Dass beide erst 22 sind, glaubt man kaum, so lässig steuern sie durch ein einstündiges Set, das es in sich hat. Gemeinsam imaginieren sie ein Pop-Utopia, das vertraut klingt, so aber nie existiert hat. In ihrer orchestralen Opulenz klingen die Dreiminutensongs nach Agentenfilm-Soundtracks der 60er, aber immer ist in ihnen ein über das pophistorisch gesicherte Maß hinausdrängendes Moment der Überwältigung, das sie von den Originalen unterscheidet. In wenigen schlechten Momenten sind die Last Shadow Puppets eine mittelprächtige Sixties-Revival-Band mit einem gegen sie anspielenden sinfonischen Wasserkopf. In den vielen sehr guten halluzinieren sie jahrzehnteübergreifenden Meta-Pop, dessen Energie und Schönheit einen wegbläst. Jörg Wunder

POP

Wer zahlt das Grab?

„Für mich ist das schon komisch mit diesem ganzen Nico-Kram“, sagt Lutz „Lüül“ Ulbrich in der Volksbühne. Er hat das Gedenkkonzert Nico 70/20 zum 70. Geburts- und 20. Todesjahr der Underground-Ikone organisiert. Von 1975 bis 1979 war Lüül mit Nico liiert, die in den 60ern zu Velvet Underground stieß, später solo Karriere machte, mit Heroin und sich selbst kämpfte und zum Rollenmodell hohlwangiger Frauen mit schwarzen Gedanken wurde. Der Einfluss wirkt bis heute, man hört und sieht es an der jungen, in Gruftkluft gewandeten Wienerin, die unter dem Namen Skin & Soap auftritt. Lüül liest aus seiner Autobiografie und singt mit seiner Band Gedächtnislieder, Gudrun Gut und Michaela spielen Kakophonien aus Transistorradios, Laptop und E-Gitarre. Marianne Rosenberg überzeugt mit eigenwilligen Versionen von „Femme Fatale“ und „My Funny Valentine“, Marianne Enzensberger erzählt von einer Begegnung mit Nico. Zum gelungenen Schluss spielen Musiker ihrer letzten Band „The Faction“. 20 Jahre nach Nicos Tod, erfährt man dann noch, sei die Miete für ihr Grab auf dem Friedhof Grunewald-Forst abgelaufen. Wer das Grab nun zahle, habe man Lüül gefragt. „Keine Ahnung!“ H. P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar