Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Traute

Brunst

Sie sind schwarz und weiß, Mann und Frau – sie sind zwei und doch eins. Caroline Meyer Picards Tanzstück Ibeji in den Sophiensälen (wieder 23.-26. 10., 19.30 Uhr) ist vom Zwillingskult der afrikanischen Yoruba-Tradition inspiriert. Die Abhängigkeit vom Anderen bei der Bildung der eigenen Identität ist das zentrale Thema des intimen Duetts. Wenn die Berliner Tänzerin Anna-Luisa Recke auf Hyacinthe Abdoulaye Tobio aus dem Tschad trifft, entsteht eine wunderbar innige Verbindung. Eine unproblematische Paarung ist dies freilich nicht: Die Kluft zwischen Europa und Afrika ist für den Betrachter stets gegenwärtig und zieht einen Rattenschwanz an Unterscheidungen und Unterstellungen nach sich.

Die beiden Interpreten bewegen sich mit großer Sensibilität über solche Darstellungsklüfte hinweg, sie spielen mit Spiegelungen und Doppelungen, loten Differenzen aus auf dem Weg zu Ich und Ich, der von der Symbiose zum Kampf um Anerkennung des Andersseins führt. Die Choreografin setzt beherzt auf Schwarzmalerei: Er pinselt ihre Hand schwarz an, sie wird so zur Anderen, was in einem anmutig verführerischen Tanz mündet. Manche Szenen wirken bemüht, doch Recke und Tobio zusammen sind unwiderstehlich.Sandra Luzina

THEATER

Zarte

Kunst

Gegen den ersten großen Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts hat der von Jaroslav Hasek erfundene brave Mann Schweyk nichts ausrichten können. Bertolt Brecht aber zeigt, ohne die Prager Wurzeln auszureißen, Schweijk im Zweiten Weltkrieg. Und entdeckte, dass einem furchtbaren, sich jedem Witz entziehenden Geschehen durch eine mit Geschick hergestellte Biederkeit Helle und Transparenz verliehen werden kann. Ein Mensch voller Klugheit, Einfalt und Naivität wird für die Nazihierarchie aller Stufen zu einem Gegner, dem sie nicht gewachsen ist. Schweyk behält die Oberhand, freilich nur in einem fantastischen Reich geistiger Freiheit.

Man mag darüber streiten – Manfred Karge lässt sich bei seiner Inszenierung auf der Probebühne des Berliner Ensembles auf Spitzfindigkeiten nicht ein. Schweyks Handeln, so zeigt die von einer Erzählerin begleitete Aufführung, beruht zunächst und vor allem auf Würde. Wer auch immer sich mit den Nazigrößen misst und selbst voller kleiner und großer Schwächen, Süchte, Verfehlungen ist, er gibt sich nicht preis. Diesem Grundsatz folgt die Inszenierung, mit einer schwebenden Leichtigkeit, die einen überlegenen Umgang auch mit dem Bösen und Bösesten ermöglicht. Der Regisseur baut auf der kleinen, weiß gerahmten Podestbühne mit wenigen spartanischen Tischen und Stühlen eine Welt, die von Grausamkeit weiß und sich Grausamkeit entzieht. Biederes, Gemütvolles, behäbig Spaßiges gibt es dabei nicht, dafür eine blitzgescheite Wachheit, die allen Gefahren zu begegnen weiß. Und aus dieser Wachheit kommt Genuss, in den leise, zart bei halbem Licht dargebotenen Brecht-Eisler-Liedern (begleitet von Alfons Nowacki und Bernd Kupke), aber vor allem durch die Schauspieler. Dieter Montag zeigt einen „arbeitenden“ Schweyk mit tapfer errungenem, stets gefährdetem Gleichmut, der jede wohlfeile Gemütlichkeit hinter sich lässt. Carmen-Maja Antoni gibt der Wirtin Anna Kopecka einen einzigartig rauen Charme, sie bringt eine kluge, pfiffige Frau auf die Bühne – im spöttisch überlegenen und doch zugleich vorsichtig sichernden Widerstand gegen die Nazigrößen. Es ist eine Aufführung, in der sich alles glückhaft und mit spielerischer Anmut fügt. (Nächste Aufführung am 28. Oktober). Christoph Funke

FILM

Späte

Gunst

Selbst auf Festivals sind Kurzfilme oft nur Vorspeise für den Hauptfilm. Das internationale Kurzfilmfestival Future Shorts, 2003 in London gegründet, versucht, die Gattung aus ihrem Schattendasein herauszuholen. In mittlerweile 100 Städten stellt man regelmäßig Kurzfilme in den Mittelpunkt. Darum gruppieren sich – je nach Stadt – Konzerte, Literatur- oder Kunstveranstaltungen. Im Admiralspalast feierte man am Freitagabend das einjährige Deutschlandjubiläum. Experimenteller Pop und Jazz der Band „Parfum Brutal“ und Elektronische Musik von „Hopes Matters“ bildeten den Rahmen für neun Filme aus aller Welt. Die offenbarten, was man mit Kurzfilmen alles anstellen kann. Mit dem Genre des Zombiefilms spielen, den Katastrophenfilm parodieren oder mit Varianten des Musikvideos experimentieren.

Vor allem aber können Kurzfilme, ähnlich dem Gedicht, einen Moment verdichten. Manchmal geht das zwar schief, beispielsweise in dem viel zu pathetisch geratenen „To build a home“. Wenn es aber gelingt, wie in „Hotel Chevalier“, dem besten Film des Abends, ist es umso schöner. Ironischerweise ist „Hotel Chevalier“ ein Zusatz, ein Prolog zu Wes Andersons „Darjeeling Limited“. Er erzählt von einem Ex-Paar, das in Paris einen gemeinsamen Abend verbringt. Ihre Liebe flackert noch einmal auf, aber es ist ein Abschied. Wenn die Kamera am Ende über die Häuserfassaden schweift und das musikalische Leitmotiv erklingt, spürt man die Magie des Augenblicks. Wenn man so was „in echt“ erlebt, vergisst man es nicht. Im Kino trägt ein solcher Moment problemlos auch einen Langfilm. Armin Leidinger

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