Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Tybalts Tanzbein

Wer wäre nicht gern dabei gewesen, als Debussy mit dem jungen Strawinsky vierhändig spielte! Das Programm des Rund funk-Sinfonieorchesters bringt einen Abglanz dieser Freundschaft in die Philhar monie. Dass der „Sacre“, um den es den beiden damals besonders ging, auch Prokofjew in seinen Bann schlug, wirkt nach bis in dessen „Romeo und Julia“-Ballett. Drei Orchestersuiten hat er daraus gemacht, aber Kristjan Järvi liebt die Musik zu sehr, um sich mit einer zu begnügen. Seine eigene lange Fassung führt zum großen Lamento und fügt Tybalts Tod (Finale der 1. Suite) dramaturgisch ein. Die Interpretation ist ein Gemälde aus Bruitismus, Seele und Aufforderung zum Tanz. Marek Janowski, den das Orchester gern als Chefdirigenten auf Lebenszeit behalten möchte, hat in dem jüngsten Star der Järvi-Dynastie einen spannenden Kontrast gefunden: der Meister deutscher Klassik und der Este, dem feinzeichnende Präzision ins Tanzbein geht. Beide tun dem RSB herausfordernd gut. Nach „La mer“ erklingt Strawinskys „Concerto en ré“. Was den Geiger Julian Rachlin mit dem Dirigenten Järvi verbindet, ist eine technische Souveränität, die dem Spielerischen dient. Sybill Mahlke

POP

Zuckender Tausendfüßler

Es klingt, als stünden David Bowie, das LCD Soundsystem und die späten Beatles gemeinsam auf der Bühne – so vielschichtig ist die Musik von Of Montreal, einem Sextett aus Athens, Georgia. Kevin Barnes’ modulationsreicher Gesang bildet im Lido das Kräftezentrum, um das die kaleidoskopische Musik seiner Mitspieler kreist. Meist von zwei dynamisch wühlenden Bässen oder rhythmisch verkeilten Drummern angetrieben, springt die Band von Glamrock-Bombast über Disco-Ekstase zu mahlendem Hardrock. Nicht als abweisend-sperrige Leistungsschau, sondern unglaublich tanzbar: Das Publikum wird zum zuckenden Tausendfüßler. Und als wäre all das nicht schon Sinnesüberreizung genug, brennt die Band mit Hilfe dreier Komparsen auch noch ein Showfeuerwerk ab: Monströse goldene Sumogötter, gesichtslose Ninjas und zwielichtige Tierdämonen bevölkern die Bühne. Allerhöchster Weirdo-Faktor. Nach Yeasayer und Bon Iver schon das dritte beste Konzert des Jahres. Was kommt jetzt noch? Jörg Wunder

KLASSIK

Ungleiches Traumpaar

Ein hübsches Bild, wie bei der Konzertmatinee in der Staatsoper die zierliche Piccoloflötistin Simone van der Velde und der stattliche Tubaspieler Thomas Keller – beide gewisse äußerliche Kongruenzen mit ihren Instrumenten aufweisend – Daniel Barenboim am Klavier in die Mitte nehmen. Auch wenn Galina Ustwolskajas Komposition „Dona nobis pacem“ das ungleiche Paar nicht zum Happy End führt, haben sich die beiden überraschend viel zu sagen, bevor der wunderbar weich und singend intonierende Tubist am Ende alleine zurückbleibt. Ein Bild der Eintracht bietet erst recht Dmitri Schostakowitschs Klavierquintett, dem die Staatskapellenmitglieder ungeahnten Charme verleihen. Den natürlichen Anspruch, Hauptwerk der Matinee zu sein, kann Schostakowitschs Violasonate da nur knapp verteidigen – auch wenn mit Julia Deyneka eine Enkelschülerin des Widmungsträgers neben Barenboim steht. Deyneka vermeidet zunächst die große gefühlige Geste – und wirkt doch am überzeugendsten zu Anfang des letzten Satzes, wo sie sich einen Schuss Sentimentalität erlaubt. Carsten Niemann

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