Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Bau dir

ein Boot

Weißer Tüll bauscht sich an einer Ausstellungswand. Die Stoffskulptur „Net“ gleicht einer Qualle, die Betrachter verschlingt. Nicht minder gefährlich wirkt eine andere Näharbeit von Annica Leah Cuppetelli, eine Art Vulkanmassiv an Marionettenfäden. „Vorhang auf“ heißt es in der Daimler Art Collection bei Forwards 08 nicht nur für die diesjährige US-amerikanische Nachwuchspreisträgerin des „Emerging Artist Award“, sondern noch für sechs weitere Sieger in zwei von Daimler gestifteten Kategorien im Haus Huth (Alte Potsdamer Straße 5, bis 1. März, Mo–So 11–18 Uhr, Katalog 5 €).

„Trenn den Leib vom Rumpf und bau Dir ein Boot. Dann kannst Du fortfahren und glücklich sein.“ Dieses Kinderbuchzitat formte Yuken Teruya aus Zweigen, die der Japaner auf Brettern befestigte. Sein Landsmann Izumi Kato schafft große Holzskulpturen, skurrile Aliens zwischen Mensch und Tier, denen Blumen aus dem Mund ragen. Neben diesen Künstlern stellen noch Eva Teppe (Video) und Ascan Pinckernelle (Zeichnung) als deutsche Preisträgerinnen des „Art Scope“-Förderprogramms 2007 und 2008 aus. Vor Samson Mudzunga als zweitem Preisträger des „Mercedes-Benz Award for South African Art and Culture“ gewann Kevin Brand den ersten Preis. Seine raumgreifende, von zwei Pollern gekrönte Papptreppe kann als eine Art Gedenktempel bestiegen werden. Sie gemahnt an einen urbanen Treffpunkt seiner Heimatstadt. Der District Six in Kapstadt wurde 1966 von der Apartheidsregierung zerstört.Jens Hinrichsen

POP

Glockenspiel

und Krähgesang

Im knallroten Kleid steht Emiliana Torrini auf der Bühne und freut sich, dass so viele Leute ins Kesselhaus gekommen sind. Zwei Gitarren rocken mit leichtem Country-Dengeln. Orgel und federndes Schlagzeug. Die kleine Emiliana mit dem kecken Kurzhaarschnitt steigert sich in ihren rasanten Gesang, mit quäkender Mickymausstimme und klingt auf angenehme Weise mehr nach Rickie Lee Jones als nach ihrer isländischen Landsmännin Björk, mit der sie ständig verglichen wird. Vielleicht wegen des ersten Albums „In The Time Of Science“ (1999), das von Elektronica geprägt war.

Die nächste Platte brachte 2005 eine überraschende Wendung in Richtung Folkjazz und die soeben erschienene CD „Me And Armini“ bedient sich erweiterter stilistischer Vielfalt. All das bringt die 31-jährige Sängerin jetzt mit ihrer formidablen Band auf die Bühne. Von zarten Folkklängen mit Glockenspiel und Krähgesang über popig plätschernde Gitarren und Walk-On-The-Wild-Side-Dupp-Dudups, angejazzelte Mollballaden zu rauchigem Flüstern, schaukelnder Reggae, eine Art Popabilly mit Bo-Diddley-Beat. Ledzeppelige Gitarrenrhythmen zum Schaben eines Schlagzeugbeckens, das mit einem Bogen gestrichen wird. Dazu Emilianas Stimme, himmelhoch jauchzend, abschmierend auf zwei düster monotonen Akkorden. Emiliana Torrini hat eine Menge zu bieten. H.P. Daniels

KLASSIK

Eiskalt

serviert

Ein fabelhaftes Team sind der japanische Dirigent Yutaka Sado und das Deutsche Symphonie Orchester in der Philharmonie. Sado schlägt wie sein großer Kollege Leonard Bernstein, mit dem er einst zusammenarbeitete: lebendig, überaus lässig, hin und wieder in die Luft springend, mit geradezu schnoddrigen Bewegungen. Aber es wirkt. Denn ein herrliches Forte herzustellen ist gar nicht so einfach, eines also, das atmet und schwingt, das bei aller Kraft nicht gewalttätig wird, Raum lässt für Obertöne und immer noch mehr Frische und Bewegung. Yutaka Sado weiß all dies immer wieder in Gang zu setzen, vor allem im ersten und im vierten Satz von Antonin Dvoráks neunter Sinfonie, der „Aus der neuen Welt“.

Weniger nimmt das etwas tranig geratende Largo für sich ein. Schon zuvor, in Osvaldo Golijovs „Last Round“ für Streicherensemble aus dem Jahr 1996, hatten sich der Dirigent und das DSO am Abgrund zur Larmoyanz bewegt. Dem Pfeffer des ersten, motorisch kraftvollen Satzes war ein Lentissimo gefolgt, das, breit gestrichen und sanft gespielt, bald unter Kitsch-Verdacht geraten war.

Dazwischen tritt der junge venezolanische Pianist Sergio Tiempo mit Frédéric Chopins wunderbarem zweiten Klavierkonzert auf: ein Künstler, der es eingangs und ausgangs des Larghettos ein wenig übertreibt mit der Eigenwilligkeit, der Töne präsentiert, die unorganisch wirken und wie ausgeschnitten, ein Virtuose aber auch, den selbst irrwitzig anspruchsvolle Passagen nur mal eben so zu fordern scheinen, ein Zauberer des klaren Tons schließlich, der weiß, wie man das Perlen der Arabesken auf unter Null herunterkühlt.Christiane Tewinkel

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