Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Flohzirkus

mit Wimmerorgel

Womöglich ist es ein zweifelhaftes Privileg, einen führenden deutschen Pop-Intellektuellen in der Band zu haben. So verdrehen die vier anderen Mitglieder von F.S.K. schon mal die Augen, wenn Thomas Meinecke im Festsaal Kreuzberg wieder zu einer seiner geistreichen Song-Einführungen anhebt. Dabei kann man einiges dazulernen über schwulen Disco-Hedonisten, obskure Schauspielerinnen oder „Erinnerungskulte in der afroamerikanischen Musik“. Meineckes Weisheiten geraten nicht zum drögen Proseminar, weil F.S.K., die seit 1980 in fast unveränderter Besetzung existieren, eine ziemlich einzigartige Band sind. Für den unverwechselbaren, öfters an die Krautrock-Legende Can erinnernden Groove sorgen Drummer Carl Oesterhelt und Michaela Melián, die virtuos ihren Violinbass bearbeitet. Wilfried Petzi schabt abstrakte Kürzel auf der E-Gitarre, während Keyboarder Justin Hoffmann als einziger wie ein auf vielen Zechtouren gegerbter Altrocker aussieht. Ans Mikro darf jeder mal, wobei die Texte spannungsreiche Kontraste zur Musik liefern. Manchmal auch nur zum Titel: Der „Tiger Rag“, eine instrumentale Ragtime-Rarität aus dem Jahr 1917, erklingt in der F.S.K.-Version als analoger Flohzirkus-Techno mit Wimmerorgel. Immer noch eine der besten deutschen Bands (mehr Pop unter www.tagesspiegel.de/pop).

Jörg Wunder

KLASSIK

Avantgarde

mit Stühlerücken

Das 2006 gegründete Berliner Solistenensemble Kaleidoskop verfügt über wichtige Schlüsselqualifikationen für junge Kammerorchester: Spezielle Kenntnisse in der Ausführung Neuer wie Alter Musik gehören ebenso dazu wie die Bereitschaft, einen Konzertabend als Performance aufzufassen. Alle drei Qualifikationen gilt es einzusetzen, als sich die 14 Musiker als neues Hausensemble des Radialsystems vorstellen, mit einem Programm unter dem Titel: „1.2.2.4.4. eine Metapraxis“. Ob es sich um eine hoch empfindsame Streichersinfonie des Bachsohns Wilhelm Friedemann oder um die brutal energetische „Praxis“ für 12 Streicher und Pianisten aus der Werkstatt des früh verstorbenen Jani Christou handelt: die dirigentenlosen Musiker beherrschen einen sonoren Klang und beherzten Strich, dem sie hier und da die letzte Reinheit der Intonation opfern – und das zu Recht. Szenisch hatten der Regisseur Alexander Charim und die bildende Künstlerin Aliénor Dauchez einen „Konzert-Essay“ versprochen, der die Grenzen von Musik und (Musiker-)Alltag auslotet. Doch mehr als ein optisch abwechslungsreiches Divertimento aus verschiedenen Musiker-Anordnungen auf angeranzten Möbeln inklusive Stühlerücken und dekorativem Teetrinken wird nicht geboten. Carsten Niemann

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