Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Mit Bartók

ins Maxim

Edward Elgars Violinkonzert, im festländischen Musikbetrieb von seinem Cellokonzert zurückgedrängt, kommt groß in Mode. Bemerkenswert, dass es im Jahr 2008 mit sehr unterschiedlichen Interpretationen in der Philharmonie vertreten ist. Während die Solistin Tasmin Little beim Deutschen Symphonie-Orchester lieblich weichzeichnenden Ton pflegte, geht nun Gil Shaham bei den Berliner Phil harmonikern aufs Ganze. Sein Einsatz beflügelt die Musiker und den Dirigenten Da vid Zinman, der schon in der Einleitung gestisch aufgeraute Romantik realisiert. 50 Minuten Inselmusik sind leichter zu ertragen und gar zu genießen, wenn der Sologeiger das Virtuosengold mit einem Mehr an Ausdruck anpackt. Gil Shaham spannt den Bogen von beinahe rücksichtsloser Fetzigkeit zu dem, was ihm die Stille erzählt. Ein introvertiertes Märchen über „Windflowers“ (Anemonen), das in den Ecksätzen brillant auflodert. Der Hörer erfährt, dass dies ein Stück für Kreisler- und Heifetz-Naturen ist.

Die Verehrer des wilden „barbarischen“ Bartók haben von dessen „Konzert für Orchester“ als einem rückschrittlichen Spätwerk (1943 für Kussewitzky komponiert) weniger gehalten. Gibt sich der Meister darin doch allzu publikumswirksam und reißerisch operettig. Da solche Kämpfe heute verraucht sind, freuen wir uns an den Tänzen, der musikalischen Ungarnsehnsucht Bartóks, die aus dem Exil kommt, und der typischen Polyphonie bis zur Buffofuge im Finale. Mit Bartók ins Maxim (noch einmal heute)! Allemal viel virtuose Notenarbeit beschäftigt die Philharmoniker an diesem Abend, aber auch Spaß. Sybill Mahlke

KUNST

Mit dem Kaufhaus

in die Galerie

Ist das Kunst? Bunte Gießkannen aus Emaille, Schuhanzieher in allen Farben und Größen, ein Holzflugzeug mit rotem Propeller, eine Kosmetikserie namens Regina und eine goldglänzende Tuba – allesamt Waren aus europäischen Produktivgenossenschaften. Sie stehen hier zum Verkauf im Saalbau Neukölln, in der kommunalen Galerie, die Andreas Wegner in ein temporäres Kaufhaus verwandelt hat. Jawohl, das ist Kunst, antwortet der Initiator des Projekts Le Grand Magasin (Karl-Marx-Straße 141, bis 31. Dezember, Di–So 10–20 Uhr). Schließlich sei es auch die Aufgabe eines Künstlers, andere Formen der Ökonomie zu entwerfen.

Deswegen hat Wegner das Solidaritätsprinzip von Genossenschaften untersucht und ein „großes Kaufhaus“ anderer Art geschaffen: eine Alternative zum kapitalistischen Konsumtempel. Dabei geht es dem Berliner Künstler weniger um Gesellschaftsanalyse als um positive Kritik. Er will die Bedingungen der Produktion wieder ins Spiel bringen. Denn einer Ware sieht man nicht an, wie sie hergestellt wurde, und in der Regel interessiert sich der Konsument auch nicht dafür. Mit der betont minimalistisch gehaltenen Ausstellung will Wegner zeigen, dass es Produkte aus solidarischer Arbeit von hoher Qualität gibt – jenseits von Eine-Welt-Läden und Fair-TradeShops. So stöbert der Besucher zwischen Tablettendosierern und Kinderschlafsäcken aus Tschechien, Plüschtieren und Zeichenmappen aus Slowenien, Glaskaraffen und Waschmaschinen aus Spanien. Hört sich nach Globalisierung an, sieht aber eher nach Solidarisierung aus.Laura Wieland

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