Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Gemeinsam

sind wir leiser

Ein großer Kammerchor: Zahlenmäßig verstanden dürfte dies ein Paradox sein. Wenn aber 72 Chorprofis aus drei exquisiten Kammerensembles zusammentreten, um „Weihegesänge“ von Alfred Schnittke zu zelebrieren, stellt sich eine merkwürdige Erfahrung ein. Die Musik klingt russisch, als ob es um die Krönung von Boris Godunow ginge, archaisch, stark, und doch bleibt ein spezifischer Kammerchorton erhalten. Mit diesem Individualismus in der Fülle entlassen sie uns aus dem Ra dialsystem in die Friedrichshainer Nacht: Nederlands Kamerchoor, Latvijas Radio Ko ris und RIAS-Kammerchor. Unter den Dirigenten Kaspars Putnins, Sigvards Klava, Jörg Genslein und Hans-Christoph Rademann haben sie das Publikum zu gleichgesinnt enthusiastischem Trampeln animiert. Dabei ist das Programm kein Zuckerschlecken. Musik meist aus dem 21. Jahrhundert, experimentell. So feiert der RIAS-Kammerchor sein 3. Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag mit Neuigkeiten und Gästen. Alle kommen gerade aus Riga, von Tenso Days, einem internationalen Treffen für Berufschöre. Anfangs werden rhythmische Delikatessen von Peter Jan Wagemans auf Mallarmé-Texte geschüttelt, dass den Hörern die Köpfe schwirren. Dann als Auftragswerk der Niederländer eine mutige Lautkomposition von Santa Ratniece, die zwölfstimmig das ganze Chörchen solistisch beansprucht: „Horo Horo“, sanftes Säuseln bis zu heulenden Höhenwundern, Beschwörung. Steffen Schleiermachers Auftragskomposition für den RIAS-Kammerchor hat wohl dazu beigetragen, die Ensembles auch in der Gemeinsamkeit gefühlsmäßig zu differenzieren. Denn „Ataraxia“ auf Epikur, Senaca, Buddhistisches und Meister Eckhart führt vier Chöre zu einer eigenen Mehrchörigkeit. Anders als in der historischen Musik greifen die Gruppen nicht ineinander, sondern sind in ihrer Gestik unabhängig, zufallsbestimmt. Ohne humanistische Bildung zu besitzen, wählt der Komponist Fremdsprachen für alle im Ringen um Gelassenheit, den gemeinsamen Schluss. Er setzt sich mit Wonne zwischen Stühle, und findet „diesen Schnittke fürchterlich“, „Mist“ – „und doch so schön“. Sybill Mahlke

THEATER

Die Tücken

der Midlife-Crisis

Das ist doch mal eine hübsche Idee, die garantiert auch außerhalb des Theaters gegen Langeweile und Weltekel hilft: Nennen Sie drei Menschen, die Sie uneingeschränkt für liebevoll, rücksichtsvoll und anständig halten. Barney Silberman, dem Helden aus Neil Simons Männerzirkusstück Der letzte der feurigen Liebhaber, fallen Jesus Christus, John F. Kennedy und seine eigene Ehefrau ein. Ob er selbst auch ein guter Kerl ist und warum er sich trotz Heiligsprechung seiner Gattin zum Seitensprung entschließt, das sind die großen Fragen in diesem Lustspiel von 1969, das die Komödie am Kudamm nun in der Regie von Helmuth Fuschl und Anatol Preissler auf die Bühne bringt (wieder 28.–31. Oktober). Heinrich Schafmeister spielt Barney, einen seit 23 Jahren brav verheirateten Fischrestaurantbesitzer, den die Midlife-Crisis ereilt und der deshalb den wilden Kitzel einer amourösen Eskapade sucht. Doch wer als Möchtegern-Casanova die Wohnung der eigenen Mutti zum Liebesnest umfunktionieren will, der hat größere Probleme als Ereignisarmut im Leben. Schafmeister, der beim wiederholten Aktentaschentanz zu „Sex Bomb“ den Tiger im Spießer wecken soll, überzieht die Rolle des überforderten Simpels allerdings arg, ein bisschen weniger Schmiere hätte nicht geschadet, wie überhaupt die Inszenierung die Zwischentöne scheut.Schafmeisters Bühnenpartnerin Manon Straché sieht da in gleich drei Gespielinnenrollen weit besser aus und lässt auch die einsamen Abgründe hinter der grellen Komödie erahnen. Patrick Wildermann

KLASSIK

Mozart

muss es richten

Man muss sich nur das Programm des Philharmonischen Chors für die kommende Saison ansehen, um zu ahnen, dass die wenigsten Besucher der Philharmonie wegen der Uraufführung von Bernd Frankes Miletus gekommen sind. Denn in den nächsten Konzerten folgt mit Bachs Weihnachtsoratorium, Rossinis Petite Messe Solennelle und Mendelssohns Elias allerpopulärstes Kernrepertoire. Frankes Werk singt man denn auch schon am Abend der Uraufführung die Totenmesse, indem man es nach der Pause mit Mozarts Requiem erdrückt. Wobei das sorgfältig einstudierte Stück, das nicht ohne handwerkliche Oberflächenreize ist, selbst am hohen Anspruch krankt: Tragödie, Drama und Existenzialismus, Ganzheitlichkeit und Zen, organischer Konstruktivismus, Bach, Mozart und balinesische Gamelanmusik will Franke in seiner Komposition verbacken. Das Ergebnis sind bloß strukturierte Instrumentations- und Chorklangstudien, und das Publikum spendet Marietta Zumbült den größten Spontanapplaus, weil ihr schönes Sopransolo am ehesten an das Arioso einer klassischen Messe erinnert. Mit Mozart stillt man dann elementare Grundbedürfnisse an Emotion und Klangschönheit. Carsten Niemann

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