Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Klangrede

mit Klarinette

Ein langsamer Brahms, die Dritte als Ritual. Georges Prêtre, der 84-jährige französische Maître, zelebriert erfahrungsgesättigte Spätromantik. Wann zuletzt haben die Celli im Allegretto derart geweint wie am Montag beim Deutschen Symphonie Orchester in der Philharmonie? Wann waren die Punktierten derart weich gebettet, die Rubati derart abgefedert, ohne dass das Sentiment je ins Sentimentale umschlüge? Prêtre, Zeremonienmeister, Hypnotiseur, gerne auch mal Charmeur und Poser – er lässt Klänge im Zeitraffer blühen und vergehen, vereint Pathos mit Pragmatismus, Eleganz mit Essenz, Wehmut mit Wucht, gemeißelte Motivik mit Streicheleinheiten. Beseelte Klangrede: ein altmodischer Brahms, aber sie ist einfach unwiderstehlich, diese Manier, Musik zur Pretiose zu modellieren. Zumal das DSO Prêtre bereitwillig folgt und mit feinem Sinn die eigenen Verführungskünste ausspielt, namentlich die Bläser, Klarinette, Horn, Oboe.

Vor allem wird meisterlich mit dem Tempus gespielt, wenn das Orchester auch bei Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ in Sekundenschnelle zwischen Präsens und Perfekt wechselt, zwischen heller Gegenwärtigkeit und Erinnerungston. Die Pantomime des „Gnomus“, die sämigen Streicher beim „Alten Schloss“, die sich zu schmerzhafter Intensität steigernden Crescendi in „Bydlo“ wie im Finale: Man glaubt, die Gestalten förmlich mit Händen greifen zu können, die sich jedoch sofort wieder zu Traumgesichten verflüchtigen. Das Unerbittliche, das Unfassbare – es liegt nur eine Nuance dazwischen. Christiane Peitz

KLASSIK

Filigranes

mit Fleiß

Manchmal wird Fleiß eben doch vergütet. Wer ein Instrument studiert, der muss einen beachtlichen Teil seines Studentenlebens allein, in fünf Quadratmeter großen Übezellen verbringen. Der Lohn: Man bekommt schon in jungen Jahren die Möglichkeit, mit den Großen der Branche zusammenzuarbeiten – so wie jetzt die Musiker des Sinfonieorchesters der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Von niemand Geringerem als Simon Rattle werden sie im Konzerthaus durch Joseph Haydns Kantate „Berenice che fai“ und die 1. Sinfonie von Johannes Brahms geleitet.

Für die Rolle der Berenice hat Rattle Magdalena Kozená mitgebracht, die einen bezaubernd weichen Mezzosopran singt. Nichts in ihrer Stimme drängt, alles schwebt und atmet frei, begleitet von einem klanglich wunderbar transparenten Orchester. Da braucht es einen Moment, um sich umzuorientieren auf Brahms, der bei Rattle auffällig langsam und ungewöhnlich schwer daherkommt. Nein, das ist nicht „Beethovens Zehnte“, wie der Dirigent Hans von Bülow bei der Uraufführung meinte. Dafür ist hier zu wenig von der Freude der Neunten übriggeblieben. Die Musiker folgen der stark romantischen Interpretation auf beachtlichem Niveau: nahtlos fließende Themen im Andante, gekrönt von einer fabelhaft filigranen Sologeige am Satzschluss. Weder hier noch im dritten Satz erlaubt Rattle einen Spannungsabfall. Klug hält er die angestaute Energie bis zum Finale zurück, um schließlich die Entladung zu fordern. Diese wünscht man sich vom Orchester dann allerdings noch hemmungsloser. Dennoch: Musikalisch ist die Darbietung mehr als bloßes Präludium zum Wochenende. Dann steht Brahms’ 1. Sinfonie bei den Berliner Philharmonikern auf dem Programm. Und Simon Rattle wieder am Pult. Daniel Wixforth

KLASSIK

Kabarett

mit Kokolores

Musikkabarett? Zunächst einmal ist es ein Gipfeltreffen zweier Pianisten, die sicher nie zusammen öffentlich musiziert hätten: Alfred Brendel, am Abschluss seiner Karriere als Pianist, liest eigene Texte, Pierre-Laurent Aimard, auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, spielt dazu Klavier. Brendels Lyrik ist sicher nicht vom selben Rang wie sein Klavierspiel, aber gelegentlich nachdenklich in unerwartet knappen Schlusswendungen und fast immer herzerfrischend skurril sind seine reimlosen Verse allemal.

Brendel lüftet das Geheimnis von Mozarts Tod (Beethoven war es, als Salieri verkleidet) und kündet von der Verhüllung der drei Tenöre durch Christo – Pavarotti ist auch unter der Plane noch mühelos auszumachen. Aimard wirft zwei Dutzend kurze Stücke seiner Hauskomponisten Kurtág und Ligeti zwischen die kurzen Texte, meist Minimalistisches, getupfte Andeutungen. Und er gibt auch den Pantomimen, schleicht linkisch um den Flügel, spielt Ligetis halsbrecherische erste Etüde fingerklappernd auf dem Tastendeckel. Angesichts dessen, was normalerweise so als Musikkabarett daherkommt, kann dieser Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie getrost als eine Edelversion desselben durchgehen. Wozu vor allem Brendels überraschend ausdrucksstarke Rezitationsweise beiträgt. Ulrich Pollmann

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